F I L M F E S T S P I E L E C A N N E S Happy Beginning mit Hollywood Ending
Die ersten Tage an der Croisette
Anderen Gästen des Festivals fällt es leichter, im Rampenlicht zu stehen. Sie werden gerne gefeiert, und das weltweit größte Filmfestival ist genau der richtige Ort dafür. Unter anderem haben sich Cameron Diaz, Leonardo di Caprio, Jack Nicholson, Christina Ricci, Catherine Zeta-Jones, Helena Bonham-Carter, Matt Damon und Claudia Cardinale angesagt.
Auch der Eröffnungsfilm der Quinzaine des Réalisateurs wurde mit einem Film im Film eröffnet, das Medium reflektiert sich gerne selbst. Catherine Breillats "Sex is comedy" ist inspiriert von ihren letzten eigenen Dreharbeiten zu "À ma soeur". Die weibliche Hauptrolle übernahm erneut Roxane Mesquida.
Erstmalig wird in der Quinzaine des Réalisateurs ein neuer Preis vergeben, der 'Carrosse d'Or'. Der Preis wird von Regisseuren gestiftet und soll an Filme verliehen werden, die sich durch besonderen Mut oder durch besondere Originalität auszeichnen. Der Name bezieht sich auf einen Film Jean Renoirs, "La Carrosse d'Or" (Die goldene Kutsche), den dieser 1952 gedreht hat. Renoir sagte damals über seinen Film und sein großartiges Schauspielerensemble: "Ich versuchte, die Grenzen zwischen der Präsentation von Realität und der Realität selbst verschwimmen zu lassen. Ich versuchte, eine Verwirrung zu etablieren zwischen dem Schauspielen auf der Bühne und dem Schauspielen im wirklichen Leben."
Dieser Satz lässt sich leicht auf das Gefühl übertragen, das man
als Filmkritiker hier in Cannes hat. Zwischen den vielen Filmen,
den Stars entlang der Croisette und den glamourösen Parties am
Strand, auf Schiffen und herrschaftlichen Anwesen hinter der
Stadtgrenze verschwimmen des öfteren die Grenzen zwischen Fiktion
und Wirklichkeit.
Tausende von hartnäckigen, aufgemotzten Selbstdarstellern sind hier
unterwegs, die alle unbedingt in Filme hineinwollen. Entweder ganz
profan, indem sie versuchen eine Kinokarte zu erhaschen, oder indem
sie sich eine Rolle erhoffen und auf die richtige Begegnung mit dem
richtigen Produzenten oder dem richtigen Regisseur zur richtigen
Zeit warten.
Nach dem Attentat in New York am 11. September vergangenen Jahres haben die Organisatoren des Festivals die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Vor dem Betreten des Kinos werden stets ausgiebig die Taschen aller Zuschauer untersucht. So etwas erhöht die ohnehin langen Wartezeiten in den Schlangen vor den Kinos, ist natürlich aber zur eigenen Sicherheit, und daher unbedingt wichtig. Sonst aber hat sich nichts geändert an der permanenten Hochstimmung, die hier herrscht, nicht nur dank des präsentablen Wetters und der glamourösen Croisette mit ihren Tophotels, wie dem Carlton, dem Majestic und dem Martinez. Auch Françoise Truffaut, Catherine Deneuve, Jean-Luc Godard und viele viele andere wussten die Vorzüge von Cannes schon immer zu schätzen. In einem liebevoll montierten, halbstündigen Film zeigt Festivalpräsident Gilles Jacob zum 55. Geburtstag seinen aus Archivmaterial zusammengeschnittenen Film "Histoires de Festival" (Die Geschichte des Festivals). Er lief direkt vor "Hollywood Ending", dem Eröffnungsfilm, außer Konkurrenz. Am Eröffnungsabend bekam Woody Allen von Gilles Jacob den Regieehrenpreis die 'Palme des Palmes' verliehen. Dieser Sonderpreis für ein Lebenswerk wurde bisher nur ein einziges Mal, an den schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann vergeben.
Woody Allen weiß das Gespür der Franzosen für talentierte Regisseure aus aller Welt sehr zu schätzen: "Die Franzosen waren meine ersten Anhänger und haben mir gegenüber immer eine enorme Großzügigkeit gezeigt", sagt er. Auch viele andere berühmte amerikanische Filmemacher, Musiker und Literaten sind zuerst in Frankreich entdeckt worden, bevor sie in ihrer eigenen Heimat gefeiert wurden. Von Edgar Allen Poe bis William Faulkner reicht diese Tradition, im Filmbereich etwa wurden die Coen-Brüder und David Lynch so richtig erst in Cannes entdeckt. Auch dieses Jahr werden sich erneut einige Perlen im Programm versteckt haben, über die sich aber vorab schlecht etwas sagen lässt.
Dieser Spürsinn bezieht sich allerdings kaum auf deutsche Produktionen; Deutschland ist bereits zum neunten Mal nicht im Wettbewerb vertreten. 'Wir müssen leider draußen bleiben', titelte deshalb eine Berliner Tageszeitung. Nur mit viel Geld und einem Kameramann ist Deutschland im Wettbewerb vertreten, in der Coproduktion "Russian Ark" des russischen Regisseurs Alexander Sokurow. In einer einzigen Einstellung (!) erzählt er 300 Jahre russischer Geschichte. In der Reihe 'Un certain Regard' ist Deutschland bei dem Episodenfilm "Ten Minutes older" verschiedener nahmhafter Regisseure mit zwei zehnminütigen Beiträgen vertreten: von den beiden Autorenfilmern Werner Herzog und Wim Wenders, von denen man einzig Wim Wenders als deutschen Stammgast an der Croisette bezeichnen kann.
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