S T A D I O N R O C K Sang- und klanglos
Zum ersten Mal seit 28 Jahren tritt die deutsche Nationalmannschaft ohne eigenes Liedgut bei der Fußball-WM an. Eine Geschichte des Verstummens
Fußball ist unser Leben, der König Fußball regiert die Welt. Wir kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor nach dem andern fällt. Ja, einer für alle, alle für einen, wir halten fest zusammen. Und ist der Sieg dann unser, sind Freud und Ehr für uns alle bestellt.
Vorbereitet worden war der Kollektiveinsatz durch Soloauftritte von zwei Leistungsträgern des Teams. Zum einen durch Franz Beckenbauer, der 1966 mit seinem Schlager Gute Freunde kann niemand trennen die schönen alten Zeiten des Amateurfußballs beschwor und somit die Kernbotschaft des WM-Songs vorwegnahm; zum anderen durch Gerd Müller, der mit brüchig-monotoner Stimme die existenzielle Dramatik in seinem Leben als Torjäger besang:
Alle passen schrecklich auf, Tore sind das Ziel Ja, so ist es immer, neu bei jedem Spiel Einmal kommt die Flanke rein, ich komm angezischt Und schon habe ich den Ball erwischt
Dann macht es bumm hieß diese knittelversgespickte Weise aus dem auch innenpolitisch explosiven Jahr 1968; musikalisch war sie von jener volkstümelnd- bajuwarischen Folklore geprägt wie später auch Fußball ist unser Leben.
Ganz anders klang dagegen anno 74 das WM-Lied aus der DDR: Mit verzerrten E-Gitarren-Riffs, die durchaus an die britische Rockgruppe Deep Purple erinnerten, begann das Stück des ostdeutschen Schlagersängers Frank Schöbel. Man kann es getrost als die halboffizielle Hymne der DDR-Auswahl bezeichnen: Die Mannen von Trainer Georg Buschner sangen zwar selbst nicht mit, sie waren aber per Foto auf der Amiga-Single abgebildet. Ja, der Fußball ist rund wie die Welt hieß die Komposition, die nach dem rockigen Intro im seichten Schlager versandete. Auch der Text kam auf den ersten Blick bieder daher:
Ja, das runde Leder, Tore seh'n will jeder Keiner soll im Abseits steh'n Bringt das Spiel ins Rollen, wie es alle wollen Laßt euch keinen Ball entgehen
Heute woll'n wir sehen, wie die Chancen stehen Alle fiebern mit zu Haus Laßt den Fußball leben, Tore muß es geben Laßt nicht einen Ball ins Aus
Unser Herz wird mit euch sein Nein, ihr spielt nicht allein.
Doch wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, kann eine unterschwellige Sehnsucht nach der großen weiten Welt ausmachen, die so nah hinter der Mauer lag: »Keiner soll im Abseits steh'n« lautet die verdeckte Forderung nach unreglementierter Bewegungsfreiheit. Doch es war klar, dass DDR-Fans nicht in die Bundesrepublik reisen durften, deshalb heißt es: »Alle fiebern mit zu Haus« und »Unser Herz wird mit euch sein«. Es sind Chiffren für das ungeheure Fernweh, das sich auch im Titel widerspiegelt: der Fußball als Metapher für den ungeteilten blauen Planeten.
Abgesehen von diesen versteckten Botschaften wirkten die Verse eher unpolitisch in einer Zeit, in der die deutsch-deutschen Beziehungen schwer belastet waren. Wenige Wochen vor der WM hatte Bundeskanzler Willy Brandt zurücktreten müssen, nachdem sein Referent Günter Guillaume als Ostspion enttarnt worden war.
Diese Spannungen prägten auch das Aufeinandertreffen im Hamburger Volksparkstadion, das im Vorfeld zu einer Schlacht der Systeme erklärt worden war. Die DDR siegte zwar durch das Tor von Jürgen Sparwasser, doch am Ende holte die Mannschaft von Helmut Schön den Pokal. Für die DDR sollte es die erste und letzte Teilnahme bei einer Weltmeisterschaft gewesen sein - also auch das erste und letzte WM-Lied.
Als Weltmeister hatte sich die Bundesrepublik dagegen automatisch für die Spiele 1978 in Argentinien qualifiziert. Dieses Mal aber wollte sich der Deutsche Fußball-Bund nicht mehr allein auf die Sangeskraft seiner besten Spieler verlassen: Man schien der Archaik der ungeschulten Stimmen zu misstrauen und verpflichtete einen professionellen Vorsänger. Und während der Politgrafiker Klaus Staeck bissige Plakate gegen die christdemokratische Verharmlosung der lateinamerikanischen Militärdiktatur entwarf, sang Udo Jürgens gemeinsam mit den deutschen Kickern:
Buenos días, Argentina, guten Tag, du fremdes Land Buenos días, Argentina, komm wir reichen uns die Hand Buenos días, Argentina, so heißt meine Melodie Und sie soll uns zwei verbinden mit dem Band der Harmonie.
Die Spieler brummten ohne Murren mit bei dem von Verbrüderungsfantasien getragenen Schlager eines Österreichers - doch ausgerechnet gegen die Alpenrepublik schieden sie in der zweiten Finalrunde mit 2 : 3 aus. Kein Wunder: Vom Fußball war beim Argentinien-Schmachtfetzen keine Rede gewesen, dafür umso mehr von unverwüstlichen Klischees wie zum Beispiel: »Wenn die rote Sonne glüht, rauscht von ferne der La Plata.«
Mit einem ähnlichen Rezept traten 1982 die Nationalelf und der deutsche Barde Michael Schanze an. Es war das Jahr, in dem in Bonn 400 000 Menschen gegen die Nato-Nachrüstung protestierten. Die WM-Hymne Olé España wurde davon nicht beeinflusst; stattdessen pries sie mit Flamencogitarren-Unterstützung die Exotik des Gastlandes und die Macht der Erotik:
Das Herz hat einen Namen, in Spanien nennt man es el corazón Wenn sich zwei Herzen finden, dann wissen sie genau, wovon das kommt
Es kommt von vino und von flamenco und den canziones und von amor Und bist du einmal verliebt in Spanien, wird es so schön sein wie nie zuvor
Die Sucht nach Harmonie und die Konzentration auf den touristischen Aspekt kennzeichneten diese Lyrik. Vielleicht kann man sie im Nachhinein auch als Flucht vor der sportlichen Herausforderung deuten. Jedenfalls verlor Deutschland-West im Finale gegen Italien klar mit 1 : 3.
Vier Jahre später, der Super-GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 bestimmte noch die Schlagzeilen, flog die Elf - nun von Franz Beckenbauer trainiert - nach Mexico City. Zuvor hatte sie mit Leadsänger Peter Alexander einen Song aufgenommen, bei dem der Fußball wieder im Mittelpunkt stand und mit dem sie Abschied nehmen wollte vom biederen Schlager. Inspiriert von schwarzer Ghettokultur und Neuer Deutscher Welle, skandierte Peter Alexander einen Fußball-Rap:
Die ganze Menge johlt, denn unser Stürmer holt Sich einen Flankenball im freien Fall Und schießt ihn nur ganz knapp am Tor vorbei
Er rauft sich das Haar, weil's daneben war Und fällt vor Wut vorm Gegner auf die Knie Denn dieser Schuß war halt schon Fehlschuß Nr. 2
Er ruft: Ha, ha, das ist doch net wahr Oh, oh, ich bin nicht mehr klar Si, si, daß ich so daneben lieg
Diese pessimistischen Reime warfen einen düsteren Vorschein auf das Finale, in dem die Deutschen wiederum geschlagen wurden - 2 : 3 von Argentinien.
1990, im Honeymoon der Vereinigung, besinnt man sich auf die Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Teamchef Franz Beckenbauer, der Weltmeister von 1974, inspiriert damals den Kaiser-Rap. Nun komponiert und singt wieder Udo Jürgens, der diesmal in die Rolle des Interviewers schlüpft:
Bevor es losgeht, an den Teamchef ein paar Fragen: Spielt die Mannschaft heut' verhalten oder wird sie alles wagen Heut' beim Training war ja klar zu sehn Daß die Männer motiviert sind und ihr Handwerk gut versteh'n Ist die Stimmung im Lager optimal?
»Schau'n mer mal« - mit dieser schon damals klassischen Sentenz antwortet Beckenbauer dem Sportreporter, die Nationalspieler flöten im Chor: »Schau, schau, oooooh ...« Der Kaiser schaute, die Mannschaft siegte; in Italien gelang die Revanche gegen Argentinien mit einem hauchdünnen 1 : 0 - die Bundesrepublik war zum dritten Mal Weltmeister.
Beim nächsten Turnier in den USA verzichtete die Equipe auf einen Vorsänger. Wie 20 Jahre zuvor versuchte sie sich wieder im kollektiven Chorgesang, jedoch verstärkt mit einer professionellen Popgruppe. Die Fußballer erhielten Unterstützung von den Village People - bekannt geworden durch den in Schwulenkreisen äußerst beliebten Hit YMCA, der das muntere Herbergstreiben im Christlichen Verein Junger Männer feiert. Es ist das Jahr 1994, und die Kicker begehen einen Tabubruch. Zum ersten Mal singen sie auf Englisch:
Far away in America We're gonna make it Find the chance and take it.
Mit dem Verzicht auf das deutsche Idiom beginnt die Verfallsgeschichte des Liedschaffens der Nationalmannschaft, die in Frankreich ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichen sollte. Denn 1998 kommt es zu gleich zwei weiteren Tabubrüchen, die das Ende besiegeln. Schuld daran ist Berti Vogts, der 1974 selbst dabei war bei der Gesangspremiere. Als Bundestrainer unternimmt Vogts zunächst einmal etwas Einmaliges: Er regt eine WM-Hymne an, die schon aufgenommen wird, als die Mannschaft noch gar nicht für das Turnier in Frankreich qualifiziert ist - deshalb der peinliche hoch offizielle Untertitel: »Auftragskomposition des DFB für die Qualifikationsspiele zur Fußball-WM«. Zweitens begeht Vogts die Todsünde: Unter ihm tut die Nationalmannschaft das Unvorstellbare - sie hört auf zu singen. Der Gesang wird an einen bunten Haufen fußballfremder Musikprofis delegiert. So interpretieren ein schwedischer Rockstar und eine kanadische Opernsängerin einen englischsprachigen Song des DFB, den ein Brite geschrieben hat. Er heißt Running with a dream und wurde bezeichnenderweise in den Londoner Abbey Road Studios aufgenommen, wo die bereits zerstrittenen Beatles ihre letzten Alben aufgenommen haben. Kein Wunder, dass nun bei der Weltmeisterschaft 2002 alles vorbei ist.
Vielleicht aber findet die deutsche Elf zur WM 2006 wieder Töne. Und falls das Wunder möglich werden sollte, dann müsste auch Franz Beckenbauer wieder mitsingen, dieses Mal als Präsident des Organisationskomitees. Denn statistisch betrachtet spricht alles dafür, dass Deutschland mit dem singenden Franz Beckenbauer - wie 1974 und 1990 - wieder Weltmeister wird.
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