Tonträger Nr. 2½002

Misstrauisch, forever; Viel Pedal, viel Lenor

Das war zu erwarten. Nach der Zusammenarbeit mit Burt Bacharach, dem Meister der elegant-süffigen Harmonien und dem Duett mit der klassischen Anne Sofie von Otter kehrt der Garant fürs Unerwartete zur reinen Lehre der Rockmusik zurück: Elvis Costello ist wieder bei sich. Das Korsett der Songform hatte er ohnehin nie verlassen, doch das letzte Album mit der unschlagbaren Kombination aus Schlagzeug, Bass und Gitarre liegt sechs Jahre zurück: All This Useless Beauty.

Es gibt keine Entwicklung in der Rockmusik, nur das Wetter ändert sich und damit die Kleidung, die man aus dem Schrank holt. Also steht er jetzt im engen Sakko mit der schmalen Krawatte des New Wave vor uns, mit dem Dreitagebart des Barden, mit dem Hut des Königs der Komiker. Kein Streichquartett, keine kunstvoll geschulte Stimme, kein samtener Bühnenvorhang, nur das vertraute Gefühl, mit jener Bitterkeit im Herzen. Ausreichender Grund, warum er vor 25 Jahren in einem Regal mit den Punks zu finden war.

Elvis Costello ist eine sichere Bank für Intelligenz, Wut und Rhythmusschläge tief im Bauch, und When I Was Cruel (Island 586 775, Vertrieb: Mercury) beginntmit einem Song, der als Archetyp funktioniert: 45. Das Kriegsende '45, die Geschwindigkeit 45 der Single-Schallplatten neun Jahre später (als Costello als Declan MacManus geboren wurde), das Kaliber 45 - versuche nur, dein Leben in eine Ordnung zu bringen, es wird nichts nützen: "Every scratch, every click, every heartbeat / Every breath that I bless / I'd be lost, I confess / forty-five."

Hatte man früher gerätselt, aus welchen Popsongs Elvis Costello seine wunderbaren Puzzles zusammensetzte, überlegt man jetzt, welche Elvis-Costello-Songs er selbst beklaut. Da sind diese Doo-doo-doo-Stimmen, die swingenden Jamaica-Posaunenklagen, die Beatles-Vokalsätze und die Sturzbach-Gitarren, die scheppernde Twang-Bass-Guitar eines Duane Eddy. Natürlich steht er immer ein bisschen daneben, eine Verrückung um ein paar Zehntelsekunden, um klar zu machen, dass wir hier von Gefühlszitaten sprechen - selbst in den großen Balladen. Und so eingängig schöne gab es lange nicht: When I Was Cruel No. 2, das schwüle Tart, dazu das sezierende Alibi, die Schärfe und die Verletzlichkeit haben sich wiedergefunden.

Würde die CD nach 11 Titeln enden, hätten wir wieder meisterliches Blood And Chocolate. So aber verschwimmen die letzten vier Songs in Uneindeutigkeit. Das Misstrauen in seiner Stimme, das sich selbst über seine hoffnungsvollsten Melodien legt, beugt auch der leichten Enttäuschung gegen Schluss vor. Besser, sich im Pessimismus bestätigen lassen, als in offene Messer des musikalischen Glücks zu laufen. Konrad Heidkamp

Was kann Franz Liszt für Arcadi Volodos? Nichts. Gleichwohl scheuen die Volodos-Mythos-Macher nicht davor zurück, zwischen beiden neuerdings einen direkten Stammbaum zu konstruieren: Von Volodos, dem St. Petersburger "Genie am Klavier", reicht er über Legenden wie Swjatoslaw Richter, Wladimir Horowitz, Josef Hofmann und Arthur Rubinstein direkt zurück zu Liszt, dem weißmähnigen Vater aller Virtuosen.

Abgesehen davon, dass sich unser Virtuosenbild vom feuerspuckenden Tastendrachen des 19. Jahrhunderts zum gesitteten, notentextgläubig und stilsicher erzogenen Musiker gewandelt haben dürfte, erstaunt doch die Maßlosigkeit des Vergleichs. Ein frecher Griff nach Sternen, die uns heute, kriegten wir sie je zu fassen, in einem ganz anderen Licht erstrahlen würden. Nun, Volodos selbst mag mit all dem nicht viel zu tun haben. Auch von seinem vierten Sony-Album Solo piano works Schubert (SK 89647) grüßt er mit stoischer Honigkuchenpferd-Miene; und auch sein viertes Album bietet kaum mehr als ein fingerfertiges, artifizielles und bestenfalls ungefähres Klavierspiel.

Was indes bei Tschaikowsky-Transkriptionen, bei Liszt oder Rachmaninow nur verärgert - die falschen Töne, die planvolle Schludrigkeit in der Artikulation, was eine Spontaneität simuliert, der im entscheidenden Augenblick dann doch die Inspiration fehlt -, das führt bei Schubert unvermeidlich ins Aus. Dabei hat Volodos sich, nicht unklug, mit der unvollendet gebliebenen frühen E-Dur Sonate D 157 und der großen Fantasie- Sonate in G-Dur aus dem Jahr 1826 zwei Stücke zurechtgelegt, die es für das kollektive Hörergedächtnis immer noch zu entdecken gilt. Das leise Fremdeln im Ohr allerdings täuscht kaum darüber hinweg, dass Volodos Schuberts Innenschau letztlich kläglich unbeteiligt gegenüber steht - und dass ihn die gern als "männlich" charakterisierten Passagen (etwa die weit gespreizten, kanonischen Steigerungen des ersten Satzes) wesentlich mehr anziehen als alles Idyllische, Lyrische. Schuberts Ausufern, sein in epische Weiten fliehender Blick, die Kraft, die fehlt, um die geschürten Gegensätze wieder miteinander zu versöhnen, der Gesang über zerstörten Welten - dies alles mündet unter Volodos' Händen in ein unverbindliches, blasskaltes Nebeneinander von Himmel und Hölle.

Viel Pedal und viel Lenor auch bei Franz Liszts Paraphrase des vorletzten Liedes aus Schuberts Schöner Müllerin: Der Müller und der Bach. Wo Schubert mit Liszt in den höchsten, schönsten Tönen die Todessucht des Müllerburschen besingt, da hat sich Volodos, "einer der besten Pianisten der Welt", wohl bloß in den falschen Salon verirrt.

 
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