Erziehung zur Grausamkeit
Yasmina Khadra erzählt, wie ein harmloser junger Muslim zum Terroristen wird
Für das 3. Jahrtausend prophezeit Yasmina Khadra, ehemaliger Kommandant in der algerischen Armee, ein Zeitalter der Ekstasen und der Gurus. Der altgediente Offizier versteht unter Gurus allerdings nicht die Verkünder weich gespülter Lebenshilfe, sondern solche, die den Anspruch erheben, die letzten Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens zu beantworten. Und zwar endgültig, auf die einzig richtige Weise. Wir befinden uns, ihm zufolge, in einer Epoche der Wiederkehr des Irrationalen.
Yasmina Khadra ist gläubiger Muslim und überzeugt davon, dass Fundamentalismus der ärgste Feind der Religion ist: Davon zeugen seine Bücher der letzten acht Jahre, die unter den Bedingungen des algerischen Bürgerkriegs entstanden sind - aus naheliegenden Gründen unter dem unverfänglichen weiblichen Pseudonym. Nach den Kriminalromanen um den Kommissar Brahim Llob erschien der nun auf Deutsch vorliegende Roman über einen jungen Islamistenkämpfer. In der fiktiven Biografie des Nafa Walid aus der Kasbah von Algier, der langsam und mit beinahe zwingender Logik zum Terroristen wird, verarbeitete Khadra seine eigenen Kriegserfahrungen.
Immer wieder berührt sein Buch jenes Wissen, das uns schon aus den Chroniken des Dreißgjährigen Krieges anspringt und mit den Naziverbrechen und den Kriegen von Vietnam über Irak bis Jugoslawien, mit den Vorgängen in den Folterkellern aller Welt noch nicht an seinem Ende ist: dass Grausamkeit menschlich ist und dass das Wort Unmenschlichkeit einem Ideal, aber nicht der Realität der Spezies entspricht. Die Frage, wie ein Mensch zur Killermaschine werden kann, sodass Mord zur Normalität und Gewalt zum Handwerk wird, beantwortet Khadra nicht eindeutig. Aber die Lebensbedingungen, die politische Lage und schließlich der soziale Druck verbinden sich zu einem Amalgam aus brachliegender Kraft und Ohnmacht, aus Wut, Resignation und Größenwahn.
Nafa Walid ist ein gut aussehender, ziemlich eitler, aber netter junger Mann, der unbedingt Schauspieler werden will. Nach einer kleinen Filmrolle geht es nicht so recht weiter mit der Karriere
all seine Versuche führen nur zu Enttäuschungen. Die große Chance für den Jungen aus armen Verhältnissen scheint ein Job als Chauffeur bei einer der einflussreichsten Familien Algiers zu sein. Dort wird er wie ein besseres Haustier gehalten und hat ausreichend Gelegenheit, die moralische Verkommenheit der lokalen High Society zu studieren - ein Lieblingsthema Khadras übrigens, der die allgegenwärtige Korruption für die Haltlosigkeit der algerischen Gesellschaft verantwortlich macht.
Als Nafa zugemutet wird, die Leiche eines Mädchens - Kollateralschaden der Exzesse seines Juniorchefs - zu beseitigen, tut er zwar, was ihm gesagt wird, bricht aber danach völlig zusammen. Die berufliche Chance, die keine war, ist vertan
und der moralisch beschädigte Junge sucht und findet Trost in der Religion, gerade als der Fundamentalismus in der Moschee immer mehr an Boden gewinnt. Dessen Transformation zum politischen Machtfaktor schildert Khadra mit genauer Kenntnis und ganz aus dem unbedarften Blickwinkel seines jugendlichen Protagonisten. Nafa fährt schließlich Taxi für die Islamisten, hat also endlich wieder Arbeit, und übernimmt kleine logistische Aufträge
mit dem Kampf selbst aber will er nichts zu tun haben.
Nach dem 11. September wurde mehr über die technischen Möglichkeiten des Terrorismus geredet als über seine Ursachen
vielleicht deshalb, weil rein politische Analysen nicht ausreichen, um dessen irrationale Abgründe auszuleuchten. Die insgeheim weit verbreitete Vorstellung, Anschläge dieser Art hätten etwas mit dem Islam und der arabischen Mentalität zu tun, ist ziemlich leicht als Schutzfantasie zu durchschauen: Sie entspringt dem Wunsch, dass fanatisierte Massenmörder ganz anders seien als wir. Die deutsche Geschichte lehrt etwas anderes, die Existenz der europäischen Terrororganisationen ebenfalls.
Yasmina Khadra rückt mit seinem Roman die Figur des nach und nach aus seinen moralischen und sozialen Bindungen gelösten - und damit in gewisser Weise "befreiten" - Killers in die Nähe des Begreiflichen. Ähnlich wie in seinen früheren Romanen und im Gegensatz zur internationalen Politrhetorik beschreibt er am alltäglichen Geschehen entlang, wie moralische Grenzen überschritten werden - nicht mit einem Mal, sondern in vielen kleinen Schritten
bis der Mensch gewahr wird, dass es kein Zurück mehr gibt und die Verbindung zur Normalität verloren gegangen ist. Parallel dazu protokolliert Khadra die langsame Veränderung des politischen Klimas in Algerien: wie der Wunsch nach Befreiung aus Armut und Perspektivlosigkeit durch die Islamisten kanalisiert und instrumentalisiert wird
wie die staatliche Repression und der Abbruch der Wahlen auf die Bewohner der Kasbah wirkt.
"Die Kasbah war im Delirium. In ihren Adern brodelte es, in ihrem Geist war Nacht. Die Sonne sandte nicht einen Lichtstrahl hinab, wohl wissend, dass nichts die Zukunft aufheitern könnte, wenn die Kasbah Trauer um ihr Seelenheil trug. Nafa für sein Teil trauerte um seine Pläne, die er begraben hatte. Das war seine Art, am allgemeinen Kummer teilzunehmen, Solidarität mit den Seinen zu beweisen."
So beginnt Nafa Walids Weg in den Terrorismus. Er ist keineswegs geradlinig
und doch scheint es für ihn nach dem Scheitern seiner Hoffnungen und nach dem Mord an seiner Geliebten durch deren fanatischen Bruder keine andere Lebensperspektive zu geben. Bis er seinen ersten Mord begeht, dauert es lange
und es ist wie eine Aufnahmeprüfung in den Kreis der Auserwählten, die Nafa nur mit Mühe besteht und die ihn mit der Entdeckung konfrontiert, dass "es nichts Verwundbareres, Erbärmlicheres, Unbeständigeres gibt auf der Welt als ein Menschenleben ... Es war bestürzend. Unerträglich. Empörend."
Yasmina Khadra hat als Kommandant Mohammed Moulessehoul im Bürgerkrieg genug Erfahrungen gesammelt, um solche inneren Prozesse zu kennen
und er schreibt darüber mit einer Schonungslosgkeit, die einem beim Lesen oft den Atem stocken lässt. Zudem tut er es in einer Sprache die - von seiner bewährten Übersetzerin Regina Keil-Sagawe klug übertragen - dokumentarische Exaktheit mit expressiver Emotionalität verbindet. Aus den Verhören mit gefangenen oder übergelaufenen Islamistenkriegern stammt das Wissen um Denkstrukturen, Hierarchien, Feindschaften und Bündnisse der miteinander verfeindeten islamistischen Gruppen
aus eigener Anschauung kommt die Beschreibung eines Landes im Krieg, ohne schützende Institutionen, verlassen von allen guten Geistern.
Und doch darf man nicht vergessen, dass dieses Buch ein Roman ist - der Roman einer Erziehung zur Grausamkeit. Literatur ist nicht gleich Geschichtsschreibung
und Yasmina Khadra ist nicht der Schiedsrichter der Historie, der im Komfort der Emigration Urteile spräche. Sondern einer, und das merkt man jeder Zeile dieses Buches an, der mehr erfahren hat, als er je wissen wollte.
Yasmina Khadra:
Wovon die Wölfe träumen
Roman
aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
Aufbau-Verlag, Berlin 2002
412 S., 20,- e
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 21/2002
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