Der Name Emma Budge gilt auch heute noch im Kunsthandel als besonders schmückende und damit preissteigernde Provenienz. Am 19. April zum Beispiel versteigerte das Haus Leo Spik in Berlin einen vergoldeten Nürnberger Deckelhumpen mit Elfenbeinschnitzerei aus dem 17. Jahrhundert, der einst der aus Hamburg stammenden, deutschamerikanischen Sammlerin gehörte. Das Stück erzielte 35 000 Euro - mehr als das Dreifache dessen, was die Stadt Hamburg den Erben des jüdischen Bankierpaars Henry und Emma Budge nach dem Zweiten Weltkrieg als Entschädigung gezahlt hatte. Damals flossen lediglich 22 500 DM für ein Vermögen im Wert von einst 32 Millionen Reichsmark.

Im prachtvollen Palais der Budges in bester Alsterlage war bis 1933 die Hamburger Gesellschaft zu Gast gewesen

im Spiegelsaal lauschte man Enrico Caruso und der Musik von Paul Hindemith. Nach dem Tod von Emma Budge 1937 hatte sich die Stadt Hamburg unter dubiosen Umständen in den Besitz von Anwesen und Vermögen gebracht. Die Sammlung mit rund tausend erstklassigen kunstgewerblichen Objekten wurde in Berlin versteigert. Über die außergewöhnliche Qualität gibt der reich bebilderte Katalog von damals einen eindrucksvollen Überblick.

Im Saal saßen Kunstkenner aus dem In- und Ausland und boten nach der damaligen Rechtsvorstellung "legal" mit. Auch das Schweriner Museum und das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gehörten zu den Käufern. Dem Hamburger Haus, mit dessen Hilfe die Kollektion aufgebaut worden war, hatte die kinderlose Emma Budge ihre Sammlung ursprünglich vermachen wollen. Unter dem Eindruck der politischen Entwicklungen änderte sie jedoch ihr Testament. So kam das Museum nur über die Versteigerung in den Besitz zweier wertvoller Nürnberger Silberpokale aus dem 16. Jahrhundert.

Lange haben die deutschen Museen die Provenienzforschung von Raubkunst vor sich hergeschoben. "Aber dem Thema entkommt man nicht", sagt Wilhelm Hornbostel, der Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. So denkt auch seine Kollegin Kornelia Berswordt-Wallrabe, die Direktorin der Staatlichen Museen Schwerin. Seit ihrem Amtsantritt Mitte der neunziger Jahre bemüht sie sich, die Herkunft der Bestände offen zu legen. Drei Stücke aus der Budge-Sammlung fand sie, über die sie mit der Jewish Claims Conference einen Leihvertrag schloss. Mögliche Erben waren nicht ausfindig zu machen, Rückgabeansprüche nicht gestellt worden.

Der Zufall wollte es, dass zwei Hamburgerinnen, beide wohnhaft in der unmittelbaren Nachbarschaft des früheren Budge-Palais, auf Malexkursion in den USA den 1927 in Stuttgart geborenen und in New York lebenden Maler Wolf Kahn kennen lernten. Ins Gespräch über Hamburg gekommen, gab sich Wolf Kahn als Großneffe von Henry und Emma Budge zu erkennen. "Eine Fügung des Schicksals", sagt Wilhelm Hornbostel. Er richtete dem in den Staaten bekannten Maler im Jahr 2001 eine Ausstellung in jenem Spiegelsaal ein, in dem Kahn als Kind bei "Großtante Emma" oft gespielt hatte und der inzwischen Teil des Museums ist. Darüber hinaus unterbreitete er ihm und dessen Geschwistern ein Angebot zur Versöhnung.

Auch wenn ein Gutachten dem Museum auf 36 Seiten bescheinigt, rechtmäßiger Besitzer der beiden Pokale zu sein, so empfahl es doch aus moralischen Gründen eine Rückgabe oder finanzielle Entschädigung. Im April unterzeichneten nun die vier überlebenden Erben von Emma und Henry Budge die Vereinbarung über eine Zahlung in Höhe von 125 000 Euro. Aufgebracht wurde die Summe, die dem Museum den Verbleib der Kostbarkeiten garantiert, von der Campeschen Historischen Kunststiftung - "kein Pfennig Staatsgeld", betont Hornborstel. Da nun die Erben bekannt sind, das Hamburger Museum einen Schritt nach vorn getan hat, ist es nicht auszuschließen, dass andere Häuser nachziehen müssen. Mehrere bedeutende deutsche Museen hatten bei der Auktion in Berlin 1937 ihre Bestände bereichert.