Sehr geehrter Herr Präsident! Lieber George!
Wenn George W. Bush in der nächsten Woche die Bundesrepublik besucht, hat er schon Post. Wir haben Intellektuelle und Künstler gebeten, dem Präsidenten der USA offene Briefe zu schreiben. Nicht jeder mochte sich freilich direkt an die Macht wenden - klare Worte haben sie jedoch alle gefunden
Normalerweise meide ich Menschen mit Macht, damit sie nicht auch über mich Macht gewinnen können, aber in Ihrem Fall muss ich eine Ausnahme machen.
Da wir nun also miteinander sprechen, will ich Ihnen zuerst sagen, wie leid Sie mir tun. Sie sind zurzeit - noch vor Ariel Scharon - der meistgehasste Politiker auf der Welt, und ich glaube, egal wie viel Macht man hat, so was kann einen ganz schön fertig machen. Natürlich gibt es auch Leute, die Sie großartig finden, und ich hoffe sehr, dass Sie das etwas besser schlafen lässt, als ich schlafen würde an Ihrer Stelle.
Zur Sache: Sie wissen sicherlich, dass Sie der Mann sind, auf den die Feinde Amerikas gewartet haben - so wie Ariel Scharon der Mann ist, auf den die Feinde der Juden gewartet haben. Das kann Ihnen und vor allem den Amerikanern natürlich völlig egal sein, weil den Amerikanern die Feinde Amerikas im Prinzip egal sein können, solange sie nicht Passagierflugzeuge auf ihre Großstädte regnen lassen. Die Amerikaner haben sich nämlich schon immer regelmäßig der Rechtsabweichler von ihrer wunderbaren individualistisch-kommunitaristischen Lebensphilosophie selbst entledigt und das, im Gegensatz zu den verlogenen, eingebildeten Europäern, nur in Wahlkabinen, nie auf Schlachtfeldern.
Trotzdem sollten Sie eines bedenken: Die so universelle amerikanische Idee, die schon lange auch die Welt außerhalb Amerikas langsam zum Besseren verändern hilft - diese Idee könnte wegen Ihrer oft sehr unamerikanischen Art, kluge Politik durch dummes Gerede zu diskreditieren, sogar bei ihren Anhängern so viel an Ansehen verlieren, dass sie sich anderen Ideen zuwenden könnten. Männer wie Berlusconi, Le Pen, Jörg Haider oder der bisher noch nicht politisch aktive Harald Schmidt stoßen, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht so aussieht, seit einer ganzen Weile in die Lücken, die Männer wie Sie, Ihr Vater oder Ronald Reagan im Weltbild der Nicht-Amerikaner hinterlassen. Wo Sie der Welt außerhalb Amerikas amerikanischen Chauvinismus anbieten, wird die sich natürlich immer für ihren eigenen entscheiden.
Ja, ich spreche zu Ihnen - da wir jetzt schon miteinander reden - als Europäer. Und als Europäer sage ich Ihnen, wir brauchen das verrückte, mal mehr, mal weniger geschickte, aber immer freiheitsliebende Amerika ab sofort als Verbündeten gegen die gerade erst wiederkehrende spießige und freiheitsverachtende europäische Rechte - so wie schon einmal.
Wenn Sie uns also helfen wollen, tun Sie mir einen Gefallen. Arbeiten Sie etwas mehr an Ihrem Auftritt! Differenzieren Sie Ihre Argumentation! Spielen Sie nicht in Ihren Reden alte John-Ford-Filme nach! Sprechen Sie - in anderen Worten - für alle guten Menschen, nicht nur für die Amerikaner! Und wenn Sie dann auch noch dafür sorgen, dass in ihrem Land die von Ihnen bewirkte Beschneidung der Bürgerrechte rückgängig gemacht wird und das unamerikanische Pseudo-Patriotismus-Geschrei aufhört, dann kann sich Amerika wieder zu Recht als Avantgarde der freien Welt bezeichnen, wir sind bald wieder unsere postmodernen Klein-Mussolinis los - und Sie können richtig toll schlafen, weil Sie nächstes Mal nicht gleich wieder abgewählt werden.
Ist das das alles wirklich zu viel verlangt?








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