L E H R E R A U S B I L D U N G Raus aus der Uni!
Die Lehrerausbildung darf keine Nebensache sein - ein Plädoyer für wissenschaftliche Pädagogische Hochschulen
In Deutschland ist die Lehrerausbildung zerstückelt und praxisfern: Jahrelang sammeln die angehenden Pädagogen an der Universität Fachwissen in Disziplinen wie Physik, Germanistik oder Soziologie. Auch im anschließenden Referendariat kommt das Kerngeschäft der Lehrer zu kurz: der Unterricht. Das muss sich ändern, wenn die durch die Pisa-Studie offenbarte Bildungsmisere überwunden werden soll.
An den Universitäten ist die Lehrerausbildung nur Nebensache. Deshalb muss sie verlagert werden an wissenschaftliche Pädagogische Hochschulen, wo sie allerdings neu zu gestalten ist.
Alle wissen um die Misere der Lehrerausbildung. Stets werden Reformkommissionen eingesetzt, werden bis zur Ermüdung aller Beteiligten Details geändert - aber der trostlose Gesamtzustand bleibt. Die Betrogenen sind die Lehrerstudenten, nachhaltig geschädigt werden die Interessen der Schulen.
Die Freiheit der akademischen Lehre an der Universität führt in vielen Fächern zur Beliebigkeit. Jeder lehrt, was er will. Manche Inhalte passen zum Berufsziel Lehrer, vieles ist abwegig. Mehrere Kommissionen zur Lehrerausbildung haben bereits ein Ende dieser Beliebigkeit gefordert, aber das prallt ab an der Rechtsposition des deutschen Universitätsprofessors. Wer in Germanistik etwa die neueste Goethe-Interpretation zum Seminarmittelpunkt machen möchte, wird dies tun. Dass vor ihm häufig angehende Deutschlehrer für die Grundschule sitzen, die lernen möchten, wie man Gedichte in der vierten Klasse behandelt, interessiert nicht.
Die Befähigung zum Lehrer als einem Experten fürs Lehren und Lernen findet an den deutschen Universitäten nicht statt. "Ich komme ins vierte Semester", berichtet ein Student, "und habe nicht einmal erfahren, wie ein Unterrichtsentwurf zu gestalten ist, wie ein Stundenaufbau aussehen sollte, wie ich vor einer Gruppe von Kindern (nicht Studenten) zu sprechen habe, wie ich Lerninhalte am besten vermittle. Die Inhalte der universitären Lehrerausbildung und die realen Anforderungen an den Beruf des Lehrers klaffen eklatant auseinander. Ich nehme diese Tatsache als Herausforderung und die Universität nicht mehr so wichtig."
Der Praxisbezug wird in der universitären Lehrerausbildung zur Farce. "Unsere Junglehrer", sagte mir die Teilnehmerin einer Tagung zur Lehrerbildung, "können wunderbare Referate über handlungsorientierten Unterricht halten. Eunuchenwissen. Sie wissen, wie es geht, sind aber unfähig, es zu tun." Die Gründe sind vielfältig: Es gibt zu wenig Praktika in der Schule, in der gymnasialen Lehrerausbildung werden diese zudem oft nicht einmal durch die Hochschule betreut. Und die Praktikumsbetreuung angehender Grund-, Haupt- und Realschullehrer wird häufig lustlos als Pflichtübung abgewickelt. Viele Hochschullehrer verteidigen hartnäckig die vorlesungsfreie Zeit als Zeit für Forschung oder Freizeit und wollen sie nicht in Schulen verbringen. Die Forderung, die Lehrerausbildung vom Kopf auf die Füße zu stellen und der Praxis endlich den Rang einzuräumen, den eine zukunftsfähige Lehrerausbildung braucht, ist richtig, aber im Kontext der Universität illusionär.
An den Universitäten ist die Lehrerausbildung in der Regel auf viele Fachbereiche verteilt. In den traditionell fachwissenschaftlich ausgerichteten Fakultäten geraten die Lehramtsstudenten in den Lehrveranstaltungen regelmäßig in die Rolle nur geduldeter Randfiguren. Vorrang haben die Diplom- und Magisterstudenten. In den universitätsinternen Kämpfen um Stellen und Sachmittel sind die Lobbyisten der Lehrerausbildung leicht zu überstimmen. So ist zum Beispiel die sinnvolle Forderung nach einem massiven Ausbau der Stellen für Fachdidaktik - als Voraussetzung für eine schulbezogene Lehrerausbildung - in den Gremien einer Universität chancenlos. Professuren der Fachdidaktiken werden oft nur als Anhängsel toleriert.
Insofern bin ich davon überzeugt: Wer Zentren der Lehrerbildung will, muss die Lehrerausbildung von den Universitäten abkoppeln, muss wissenschaftliche Pädagogische Hochschulen fordern, die ausschließlich Lehrer ausbilden und weiterbilden, und zwar für alle Fächer und Lehrämter! Nur wenn alle Lehrenden an einer solchen autonomen Hochschule dem gleichen Ziel verpflichtet sind, können die beteiligten Personen und Disziplinen produktiv und verbindlich miteinander vernetzt werden, kann die Beliebigkeit der Ausbildungsinhalte enden, können sich die Fachdidaktiken entfalten und ihre Vermittlungsfunktion zwischen Fachwissenschaft und schulischer Praxis wahrnehmen, können die schulischen Praktika systematisch ausgebaut und intensiv betreut werden, kann jene dichte Verschränkung von Theorie und Praxis entstehen, die schon seit Jahrzehnten vergeblich gefordert wird, können Hochschullehrer und Lehrer nachhaltig und partnerschaftlich miteinander kooperieren und fördern, was dem pädagogischen Fortschritt dient.
An einer solchen wissenschaftlichen Pädagogischen Hochschule könnte zum Beispiel - was an keiner Universität praktiziert wird - ein für alle Lehramtsstudiengänge verbindliches Kerncurriculum durchgesetzt werden, das folgende Ausbildungselemente umfasst: Vorlesung und Praktikum zum Thema Unterrichtsplanung - Schwerpunkt Frontalunterricht, Seminar und Praktikum zum Thema Gruppenunterricht und Projektunterricht, Vorlesung und Praktikum zum Thema Schülerdiagnose - Förderunterricht - Lernentwicklungsbericht, Seminare und Fachpraktika im ersten und zweiten Unterrichtsfach, Vorlesung zum Thema Die Lehrerrolle auf der Beziehungsebene - in Verbindung mit dem Praktikum Beobachtung und Analyse des alltäglichen Lehrerverhaltens.
Die häufig verdrängte Einsicht, dass niemand Lehrer ausbilden kann, der nicht selbst diesen Beruf erlernt hat, sollte Grundlage der Berufungspolitik werden. In meiner Vision einer qualitativ anderen Lehrerausbildung kann nur mitarbeiten, wer selbst über eine abgeschlossene Lehrerausbildung verfügt und sich über seine Promotion wissenschaftlich qualifiziert hat. Als Lehramtsstudent wird nur aufgenommen, wer neben dem Abitur in einem psychologischen Eignungstest nachgewiesen hat, dass er über Zuneigung zu Kindern, Einfühlungsvermögen in pädagogische Konfliktsituationen und Frustrationstoleranz verfügt. Wir schicken Jahr für Jahr neue Lehrer in die Schulen, denen die erforderliche Persönlichkeit fehlt. Unter solchen Lehrern leiden Schüler in unzähligen Alltagssituationen - aber auch die betroffenen Lehrer.
Jede wissenschaftliche Pädagogische Hochschule wird mit zahlreichen Schulen der Region im Sinne von Ausbildungsschulen vernetzt. In jeder Ausbildungsschule sollte ein gläserner Klassenraum entstehen, der es über eine Zuschauertribüne Gruppen von Studenten oder Lehrern ermöglicht, dem Unterricht beobachtend zu folgen. Technisch sind die gläsernen Klassenräume so auszustatten, dass Unterricht aufgezeichnet, aber auch live in die Hörsäle der Pädagogischen Hochschulen überspielt werden kann. Das Gespräch über den Unterricht und seine Weiterentwicklung rückt in den Mittelpunkt der wissenschaftlich angeleiteten pädagogischen Kommunikation. Der gläserne Klassenraum kann so zur Drehscheibe des pädagogischen Fortschritts werden. Die Idee des pädagogischen Fortschritts könnte als Leitidee ein gemeinsames pädagogisches Ethos aller an der Lehrerausbildung Beteiligten begründen.
Wo ist das Bundesland, das den Mut hat, die Perspektiven einer solchen Lehrerausbildung zu erproben, in dieser Republik, in der die Tendenzen der Veränderung fast immer den Tendenzen des Verharrens unterliegen?
Der Autor arbeitet seit über 20 Jahren als Hochschullehrer an der Universität Hannover in der Lehrerausbildung
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