B I O - L E B E N S M I T T E L Fliegende Kartoffeln
Bioprodukte aus aller Welt - mit zweifelhafter Ökobilanz
Der Blick in die Auslage des Hamburger Ökoladens Nature and Food lässt den wahren Biofreund schaudern: Spargel aus Griechenland, Gurken aus Israel und Frühkartoffeln aus Ägypten. Keine Rücksicht auf die Saison und Produkte aus der Region. Wo bleibt die Ökologie? "Ende April gibt es eben noch keine deutschen Frühkartoffeln, auch der Spargel braucht noch ein paar Wochen", sagt Björn Paulsen, Besitzer des kleinen Naturkostladens in der Innenstadt. "Aber sowie das deutsche Gemüse da ist, werden wir es anbieten."
Das Geschäft der Ökoläden wandelt sich - heute verfügen sie oft über die gleiche internationale Logistik wie herkömmliche Supermärkte. Mehr als 80 Prozent seiner Waren bezieht Paulsen vom Ökogroßhändler Dennree, der das Gemüse aus allen Teilen der Welt heranschafft - mit Lastwagen, Schiffen und Flugzeugen. Ebenfalls von Dennree stammt das Werbekonzept namens Bio-Markt, dem sich auch Paulsen angeschlossen hat: alle zwei Wochen ein neuer Werbebrief und Plakate mit Sonderangeboten. Zudem wirbt Nature and Food - gemeinsam mit anderen Ökoläden - in einer Hamburger Lokalzeitung. Dennree trägt die Hälfte der Anzeigenkosten, stellt Layout und die Produktion. 175 Euro zahlt Paulsen alle 14 Tage dafür.
Die Dennree Versorgungs GmbH im fränkischen Töpen zählt europaweit zu den ganz Großen im Handel mit ökologischen Lebensmitteln: 500 Mitarbeiter, 100 Lastwagen, ein zehn Millionen Euro teures Zentral- und sieben Regionallager allein in Deutschland. Im Angebot sind rund 7500 Produkte aus dem Biolebensmittelbereich und der Körperpflege. Dennree bietet den Ökoläden neben dem Werbekonzept auch Warenkredite. Im Gegenzug verpflichten sich die Läden, den Großhändler als Hauptlieferanten zu halten. Von den insgesamt etwa 2400 Naturkostläden in Deutschland beziehen 1500 ein Teil ihrer Waren von Dennree, 400 nutzen das Bio-Markt-Werbekonzept. Dazu gehört auch, mindestens zweimal pro Woche frisches Gemüse von Dennree zu beziehen und die Auslage ansprechend für den Kunden zu gestalten. Dunkle Läden, in denen schrumpelige Äpfel für drei Euro das Kilo vor sich hin gammeln, darf es nicht geben.
Nach Meinung radikaler Ökos zählt Dennree zu den Plattmachern der Branche. "Bundesweit", so steht es beispielsweise im "Internet-Infodienst für aktive Umweltschützer", "kann Dennree immer mehr Naturkostanbieter unterbieten und zwingt sie in die Knie." Thomas Greim, Geschäftsführer und Besitzer von Dennree, kennt diese Kritik. Er kann sich noch gut an die eigenen Anfänge 1974 erinnern. Zunächst interessierte sich der damals 22-Jährige für einen Beruf in der Landwirtschaft. Doch Freunde von einem Ökobauernhof klagten, wie schwer es sei, die Waren zu den Kunden zu bringen. Greim kaufte sich einen Lastwagen und fuhr von nun an mehrmals die Woche von Franken aus nach Berlin und weiter nach Hamburg. Dort warteten auf dem Heiligengeistfeld am frühen Morgen eine Hand voll Kunden auf ihn. Ökoladenbesitzer aus der Klischeefibel, stilecht mit Birkenstock-Latschen und Wollpullovern. "Wir wollten die Welt verbessern und nicht nur Geld verdienen", erinnert sich Greim.
Heute sagt er: "Wenn wir die reine Ökologie wollen, dann müssen wir als Erstes den Menschen abschaffen." Deswegen liefert er auch Erdbeeren zu Weihnachten. "Ökokunden haben heute andere Ansprüche. Wenn sie das, was sie suchen, nicht in guter Qualität bei uns finden, dann kaufen sie im konventionellen Lebensmittelhandel", sagt Greim. Ökologie zeige sich heute im Produkt, nicht in der Art des Transports. Schließlich würden die Bananen, die er aus der Dominikanischen Republik einfliegt, von Betrieben angebaut, die biologisch korrekt produzieren. Lufttransporte von Früchten und Gemüse - ob nun die Erdbeeren zu Weihnachen oder Weintrauben im Januar - seien "ökologisch eigentlich nicht vertretbar", gibt er selbst zu. Ebenso wenig der Schiffstransport der Frühkartoffeln aus Ägypten, der immer dann beginnt, wenn das hiesige Gemüse noch nicht verkaufsreif ist.
Auch in Sachen Äpfel hätten Ökofundis guten Grund, sich über Dennree zu ärgern. Mit Lastwagen wird das Obst quer durch ganz Deutschland gefahren. Und das, obwohl sie, ökologisch gewachsen, im ganzen Land zu bekommen sind. Es ist eben billig, die Ökoäpfel vom Alten Land bei Hamburg ins fränkische Töpen zu transportieren, sie dort zu lagern und zum Verkauf wieder nach Lüneburg zurückzuschicken. Dennree-Marketingleiter Rüdiger Kerschner will neue regionale Zwischenlager aufbauen. "Dann wird der Transport in der Zukunft weiter zurückgehen", sagt er. Gleichzeitig macht er klar, dass Ökolebensmittel ohne weite Wege Vergangenheit sind. "Region - das ist für uns Deutschland und nicht der nächste Ort um die Ecke."
Wissenschaftler stützen die These, dass Transportware eine gute Ökobilanz haben kann. "Wer als Ökokunde ganz bewusst nur Produkte aus der direkten Region kauft, der entlastet zwar sein Gewissen, aber er tut nicht automatisch etwas für die Umwelt", sagt Agrarwissenschaftler Reimar von Alvensleben von der Universität Kiel. Ein Beispiel: Wenn Dutzende Kunden mit dem Auto zu ihrem Biobauernhof fahren, um dort Kartoffeln zu kaufen, verbrauchen sie in der Summe mehr Benzin als ein Lastwagen, der die Kartoffeln zu den Läden in die Stadt bringt - wo sie die Kunden dann mit dem Fahrrad abholen können. Eine ganze Reihe von Universitätsstudien belegt, dass klassische Vorstellungen vom biologisch korrekten Einkauf veraltet sind. "Nicht der Kunde muss zur Ware, sondern die Ware muss zum Kunden kommen", fordert Ulrich Hamm, Agrarwissenschaftler von der Fachhochschule Neubrandenburg. Je mehr Kartoffeln transportiert werden, desto preiswerter ist der Transport pro Stück. Dass beim Anbau Überkapazitäten entstehen, die dann über weitere Strecken transportiert werden müssen, ist der Tribut an das Konzept.
Dennree-Chef Greim hält seinen Ökogroßhandel inzwischen für ein ganz normales Unternehmen - fernab von grüner Romantik. Schließlich gelten auch für ihn die Gesetze der Marktwirtschaft. Und wenn sich der harte Preiskampf des konventionellen Handels auch auf seine Branche ausweitet? "Dann haben wir uns hoffentlich so weit etabliert, dass der Kunde uns erkennen kann wie einen Bäcker oder Metzger: als Bio-Markt."
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