M A C H T K Ä M P F E Der Gefangene und der Zauderer
Pervez Musharraf ist General mit Sondervollmachten, aber ohne viel Spielraum
Den Titel "ehrenwert" erwarb sich Musharraf in den Tagen unmittelbar nach dem 11. September. Plötzlich fand sich Pakistan im Zentrum des Kampfes gegen den Terror wieder. Ohne Pakistan hätten die USA ihre Kriegsziele, die Vertreibung der Taliban und die Ergreifung Osama bin Ladens, kaum ins Auge fassen können. Musharraf schlug sich ohne Zögern auf die Seite der Amerikaner. Das war freilich eine Entscheidung, bei der er wenig zu wählen hatte. Denn sein hoch verschuldetes Land braucht die USA als Geld- und Kreditgeber. Trotzdem war Musharrafs Schritt nicht ohne Risiko: Die islamischen Extremisten im eigenen Land sind stark, das Militär ist ihr eigentlicher Geburtshelfer, und die Sympathien mit dem Taliban-Regime waren in Pakistan weit verbreitet. Musharraf legte sich also gleich mit mehreren mächtigen Gruppen an und bewies, was viele seiner Offizierskollegen ihm nachsagen: "Mut, Umsicht und Entschlossenheit". Die Befürchtungen waren groß, er könne die Krise nicht überstehen. Aber Musharraf stürzte nicht. Das Regime in Kabul fiel, und US-Präsident George W. Bush lud ihn nach Washington ein. Er behängte ihn mit Glitter, Gloria und Versprechen. Der General war vor den Augen aller Welt zum "Ehrenwerten" geschlagen worden.
Den Höhepunkt seiner unerwarteten Karriere erreichte er am 12. Januar dieses Jahres. Er hielt eine Rede an die Nation, bei der er die "islamischen Extremisten" geißelte. Dabei sprach er einen Schlüsselsatz aus: "Die Terroristen sind Feinde des Islam!" Das machte Hoffnung, Musharraf wolle sich an die Spitze einer moderaten islamischen Strömung stellen, die erkannt hatte, dass der Terror die muslimischen Länder selbst bedroht. Musharraf hat das Zeug dazu: jedes Extremismus unverdächtig, aufgeklärt und mächtig genug, um es mit den Feinden aufzunehmen. Tatsächlich ließ er nach seiner Rede 2000 Extremisten festnehmen. Er wurde dafür gefeiert.
Aber die Jubelstimmung dauerte nicht lange an. Bald schon waren führende Köpfe des muslimischen Extremismus wieder frei. Darunter Hafis Mohammed Said und Maulana Masud Ashar, respektive die Führer der Gruppen Laschkar-e-Taiba und Dscheisch-e-Mohammed. Die meisten der 2000 Inhaftierten kamen frei, allein gegen das Versprechen, ihre "extremistischen Aktivitäten" aufzugeben. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als Indien an den Grenzen zu Pakistan mehr als eine halbe Million Soldaten aufmarschieren ließ. Terroristen hatten am 13. Dezember das Parlament in Neu-Delhi angegriffen - und wahrscheinlich waren die Angreifer Mitglieder jener Organisationen, die Musharraf so rücksichtsvoll behandelte. Vergangene Woche gab es ein weiteres Attentat, diesmal auf ein indisches Militärlager, bei dem 35 Menschen ums Leben kamen. Die drei Attentäter, behaupten die Inder, seien aus Pakistan gekommen. Wahr oder nicht, die Nachbarn stehen knapp vor einem Krieg - es stellt sich die Frage, wie groß die Verantwortung Musharrafs ist.
Kann er nicht, oder will er nicht?
Der Streit darüber, ob er überhaupt die Möglichkeit hat, die Extremisten im eigenen Land zu bekämpfen, oder ob er dazu nicht willens ist, lässt sich vorerst nicht entscheiden. Aber eines lässt sich sagen: Musharrafs persönliche Absichten mögen ehrenwert sein, aber er ist Teil eines komplexen Machtgefüges und eines Gedankensystems, das seinen Spielraum beschränkt. Und nichts zeigt dies so sehr wie die dramatische Kaschmirkrise.
Da ist zunächst einmal das Militär, die einzige und wahre Macht in Pakistan. Als Musharraf sich im April bei einem Referendum mit 98 Prozent der Simmen umstandslos für weitere fünf Jahre im Amt bestätigen ließ, tat er dies mit dem Argument, er müsse Pakistan vor zwei Gefahren schützen: raffgierigen, korrupten Politikern und islamischen Extremisten. Er vergaß dabei zu sagen, dass das Militär selbst ein enormes ökonomisches Interesse an der Macht hat. Die Armee kontrolliert ein riesiges Wirtschaftsimperium im Wert von rund fünf Milliarden Dollar. Die Verteidigungsexpertin, Ajescha Afgha-Siddiqa, hat vor kurzem in ihrer Studie Soldaten im Business nachgewiesen, dass die Misswirtschaft bei den Uniformierten genauso grassiert wie bei den Politikern: "Die meisten Unternehmen der Armee arbeiten mit riesigen Verlusten, die vom Staatshaushalt ausgeglichen werden." Musharraf hat also guten Grund, sich und die Seinen an der Macht zu halten.
Das ist die materielle Seite der Geschichte, sie hat aber auch eine ideologische. Denn jede noch so krude Macht braucht auch eine Legitimation. Eine guten Teil davon liefert die umstrittene Region Kaschmir. Dieses zwischen Indien und Pakistan seit 1947 geteilte Land ist bis heute eine blutende Wunde geblieben. Dazu hat die Unterdrückung durch die indische Armee mit Sicherheit ihren Teil beigetragen. Aber solange Kaschmir blutete, solange der Erzfeind Indien die Region gnadenlos und brutal umklammert hielt - so lange brauchte Pakistan ein Heer, das mit 700 000 Soldaten überproportioniert ist. Es wäre zu einfach zu behaupten, dass die Pakistani allein deshalb den Kaschmirkonflikt bewusst befeuerten. Aber es war kein Schaden für sie, wenn auf der anderen Seite Zehntausende bei ihrem Aufstand gegen die indische Staatsgewalt starben. In den Augen der Militärs ist dies lange gut gegangen, aber jetzt könnte ihnen das Ganze buchstäblich um die Ohren fliegen. Denn im Kaschmirkonflikt haben seit einigen Jahren die islamischen Extremisten jeden legitimen Widerstand usurpiert. Dieselben Extremisten, die Pakistans Armee im eigenen Land genährt hat, um sie als Spielfiguren im Kampf um die Macht einzusetzen. Wie gefährlich das ist, zeigt die jetzt bekannt gewordene Geschichte, dass Pakistan bei der letzten Kaschmirkrise 1999 seine Atomraketen bereits in Stellung gebracht hatte.
Die Frage bleibt, ob Musharraf nicht kann oder nicht will. Am ehesten lässt sich eine Antwort finden, wenn man nach dem Grundproblem der pakistanischen Militärs fragt. Der ausgewiesene Kenner der Materie, Stephen Cohen, schreibt: "Es gibt Armeen, welche die Grenzen ihres Landes schützen; es gibt andere, die um ihre Rolle in der Gesellschaft besorgt sind. Es gibt wieder andere, die eine Idee verteidigen. Die pakistanische Armee macht alle drei Dinge gleichzeitig." Diese drei Aufgaben verbinden sich derzeit in Kaschmir zu einem gordischen Knoten - wenn Musharraf ihn durchschlagen sollte, kann es zur Katastrophe kommen. Wenn er ihn lösen will, muss er gegen seine Leute vorgehen: gegen zumindest Teile des Militärs und dessen Handlanger. Vielleicht erinnert er sich an den Slogan, den er nach dem 11. September überall in seinem Land verbreiten ließ: "Pakistan zuerst, alles andere danach!"
Pervez Musharraf:
1943 im indischen Neu Delhi geboren
1964 Offizier in einem Artillerieregiment
1965 und 1971 in den Kriegen gegen Indien Mitglied einer
Kommandoeinheit
1999 putscht sich an die Macht und wird Präsident
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



