K U N S T Da ham wir aber gelacht!

Alles nur billiger Scherz? Warum auch heitere Kunst gute Kunst sein kann von Karin Schulze

Irgendwann vor Beginn der letzten Biennale in Venedig zog sich Christian Jankowski in sein italienisches Hotelzimmer zurück und rief in den Liveshows von TV-Wahrsagern an. Ob sie ihm Auskunft über die Zukunft seines aktuellen Projekts geben könnten, fragte der Künstler, und ob es beim Publikum ankommen würde? Die positiven Vorhersagen der orakelnden TV-Unterhalter zeichnete er auf und präsentierte das Video, das zugleich die Erfüllung ihrer Prophezeiungen war, erfolgreich auf der Biennale.

Ähnlich wie Jankowski erproben viele junge Künstler derzeit Hintersinn, Scherz und Schelmenstreich als ästhetisches Prinzip und erregen damit viel Aufmerksamkeit - und noch mehr Skepsis. Auch wenn Dada und Fluxus, Sigmar Polke und Martin Kippenberger längst gezeigt haben, dass Kunst mit Witz kein Flachsinn sein muss - wer im Feld der Kunst einen Spaß wagt, gilt noch heute schnell als Bruder Leichtfuß. Hat Kunst im Gewand heiteren Entertainments nicht ausgedient? Kann sie von etwas anderem handeln als vom Einverständnis mit den Zynismen der Spaßgesellschaft? Oder anders gefragt: Wie lax, wie ernsthaft, wie subversiv ist der Humor von Künstlern wie Christian Jankowski, Maurizio Cattelan, Wim Delvoye oder Gelatin, bei Künstlern also, die keine fein ziselierte Ästhetik pflegen, sondern ihre Anleihen bei der Kultur des Spektakels nehmen?

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Bei Jankowskis Biennale-Arbeit Telemistica lebte die Komik aus dem Wechselspiel der Systeme Wahrsagerei und Kunst. Auch sonst kreuzt er häufig die Eigenheiten des Kunstkontextes mit den Enthusiasmierungskünsten und Auratisierungsstrategien professioneller Entertainer. Etwa wenn der Künstler eine Gruppe von Ausstellungsbesuchern von einem Zauberer in eine Herde blökender Schafe verwandeln lässt oder wenn er sich für sein Video The Holy Artwork vor die Füße eines Predigers wirft, der für ihn in seiner TV-Messe das "heilige Kunstwerk" beschwört. Ein wenig Charisma und Glamour zweigt Jankowski dabei listig für seine Arbeit ab. Aber vor allem hebt er die Selbstbezüglichkeit aller dieser Begeisterungssysteme - von Wahrsagerei, Predigertum, Zauberei - hervor und verdreht zugleich die Bedeutungshuberei der Kunstwelt ins Absurde.

Arge Verdrehtheiten zeigt auch Maurizio Cattelan. In seiner ersten Einzelausstellung gab es nichts zu sehen als das Schild Torno subito (Komme gleich wieder). Ein andermal fixierte er seinen Galeristen mit Klebeband an der Wand. Und als Parodie auf Großausstellungen plante er seine Karibische Biennale, bei der nur teilnehmen sollte, wer garantiert nichts zeigte. Mit solchen Streichen gibt der Künstler den Narren, der dem Kunstbetrieb den Spiegel vorhält. Gern schockiert Cattelan auch mit makabren Inhalten. Einmal hängte er ein ausgestopftes Rennpferd so unter die Decke, dass der Gaul unterm Stuck hing wie eine welke Blüte.

Im letzten Jahr erfand er einen Hitler in Beter- und Büßerpose, klein und verletzlich in weiches Wachs gegossen. Gezielt verstieß Cattelan damit gegen das Gebot, den Jahrhundertverbrecher in eindeutig distanzierender Weise abzubilden. Obendrein gab er der Figur mit Him einen Titel, der einer Widmung gleichkommt. Klingt mit dem Tabubruch bei Him die Frage an, ob ein zu Gott bekehrter Hitler Vergebung finden könnte, so ist auch La Nona Ora gewissermaßen ein Testfall für den Glauben. Die Skulptur zeigt den Papst, der doch dem Himmel am nächsten sein sollte, von einem Meteoriten getroffen und mit zweifelndem, ja ungläubigem Blick. Dazu verweist der Titel auf die Stunde, da Jesus mit seinem Gott haderte. Selbst wenn es Cattelan mit diesen Figuren, die rein äußerlich aus einem Wachsfigurenkabinett stammen könnten, nicht auf eine ernsthafte Theodizee-Debatte anlegt, entpuppt er sich doch als religionskritischer Moralist.

Ähnlich kennt auch Wim Delvoye keine Gnade mit den überkommenen Werten. Der Belgier mogelt mal Kotwürste ins Dekor von Delfter Fliesen, mal versieht er die Fenster einer alten Kapelle mit der Röntgenaufnahme eines kopulierenden Paares. Stets vermischt er Hochkultur mit Verdrängtem, Intimem oder Ekligem. Aus diesem Spiel von high and low beziehen seine Arbeiten ihre Pointen. Seine spektakulärste Produktion bisher ist eine Maschine: Wird ihr artgerecht Frühstück, Mittag- und Abendessen angereicht, funktioniert Cloaca wie das menschliche Verdauungssystem - bis hin zum naturgetreuen Produkt der Ausscheidung. Der Witz dieser Arbeit, die Delvoye gemeinsam mit Ärzten, Ingenieuren und Bakteriologen entwickelte, resultiert aus ihrer paradoxen Struktur: Eine rationale und aseptische Anlage erzeugt ein Produkt, das Synonym für alles Widerwärtige ist. Gleichzeitig kann Cloaca auch als Verweis auf die anale Verfasstheit des Kunstbetriebs durchgehen, in dem bei aller Aufwertung des Konzepts und des Prozesses noch immer das zählt, was hinten rauskommt und sich via Kunstmarkt in Gold verwandeln lässt.

Eine vergleichbar selbstreflexive Komponente hat das Schelmentum der Gruppe Gelatin. Die vier Wiener gerieren sich als Bubenkünstler, und entsprechend fallen ihre Projekte in die Kategorie des juvenilen Streiches. Die vier von der Boygroup, allesamt jenseits der 30, weigern sich offensichtlich, erwachsen zu werden. Sie tun Dinge, von denen viele Jungs träumen: Sie wecken Stofftiere in Einmachgläser ein und bauen Raketen aus Holzabfällen. In Venedig veranstalteten sie ein Bade-Happening in den verschmutzten Kanälen und umgaben den österreichischen Biennale-Pavillon mit einem Schlammbiotop. Was ihnen mit 13 vermutlich eine Ohrfeige eingetragen hätte, bringt ihnen jetzt die Einladung zum nächsten Großkunstereignis. Zu Recht. Ihre Form eines zur Blödelei gewendeten Wiener Aktionismus steht im Dienst der Entsublimierung und des Lustprinzips. So funktionieren ihre Streiche, zumindest die besseren, als vergnügliche Demontage eines überfrachteten Künstlerbildes. Gleichzeitig deuten sie eine Haltung an, für die das utopische Projekt der Avantgarde nur noch als Festhalten an pubertären Träumen denkbar ist.

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  • Schlagworte Kunst | Kassel | Malerei | Hannover | Venedig
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