Mit Wencke Myhre fing es an. Ich war zwölf, als ich zufällig den Grand Prix im Fernsehen anschaltete. Ein Hoch der Liebe sang sie für Deutschland.

Seitdem habe ich kein Jahr verpasst. Zuerst glaubte ich, ich sei allein auf der Welt mit dieser Leidenschaft. Mitte der Siebziger schrieb ich aber an den Briefkasten bei Radio Luxemburg und fragte, an wen ich mich wenden könnte, um Gleichgesinnte zu finden. Heute bin ich Präsident des Eurovision Club Germany e. V. und fahre natürlich nach Tallinn zum Grand Prix Eurovision de la Chanson.

Der DONNERSTAG unterscheidet sich nicht von den Tagen zuvor: Zu fünft sind wir schon seit Sonntag hier. Tagsüber gibt es Bühnenproben, danach Pressekonferenzen mit den Interpreten. Abends geht es dann auf den Empfang eines der vielen teilnehmenden Länder den beim Bürgermeister haben wir schon hinter uns, und auch beim deutschen Botschafter waren wir.

FREITAG gibt es die erste Generalprobe vor Publikum. Da sind die Eintrittskarten erschwinglich - im Vergleich zu morgen. Dieses Jahr wurden sie nämlich im Internet versteigert, und das Mindestgebot lag bei 230 Euro.

Trotzdem sind alle Karten weg. Alles läuft wie beim Finale. Auch die Schaltungen in die einzelnen Länder werden mit einer Dummy-Wertung geprobt.

Man will sich schließlich nicht blamieren, wenn ganz Europa zuschaut. Für Spontaneität ist da kein Platz, selbst die Gags der Moderatoren sind einstudiert.

Dann kommt der SAMSTAG, der große Tag! Ein echter Fan fiebert ihm das ganze Jahr entgegen. Die Atmosphäre selbst in der Halle zu erleben, das ist nicht zu übertreffen. Nach einem Warm-up fürs Publikum geht es los. Die drei Stunden rauschen so an einem vorbei - man klatscht mit, man singt mit, leise natürlich, manchmal auch laut. Klar drückt man Deutschland die Daumen, doch es ist nicht so, dass Deutschland gewinnen muss. Corinna May gefällt mir sehr gut, vor allem live mit ihrer Wahnsinnsstimme. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie gewinnt - auch wenn sie den gleichen Startplatz hat wie einst Nicole.