Kunst, die keine sein will
Umittelbar nach den Erfurter Ereignissen wurden Rufe nach einem erweiterten Jugendschutz, nach Indizierung und Verbot von jugendgefährdenden, gewaltverherrlichenden Spielen und Musik-CDs laut. Große Feuilletons öffneten sich solchen Forderungen. Beruhigenderweise haben sich nun aber auch liberale Gegenstimmen zu Wort gemeldet, die das Verbieten und Zensieren anstößiger Werke als sinnlose Ersatzhandlung verdammen. Das ist eine ehrenwerte Position, die Beachtung verdient, weil sie sich tapfer gegen den Mainstream stellt, der nun wieder einmal zum großen "Schundkampfritual" ruft - zur rituellen Selbstreinigung der Gemeinschaft der Anständigen.
Allerdings tun sich auch für den liberalen Verteidiger der Rede- und Kunstfreiheit Fallen auf. Diedrich Diederichsen, einer der eloquentesten und kenntnisreichsten Exegeten der Popkultur, ist bei seinem Rettungsversuch (FAS vom 12. Mai 2002) in eine solche Falle getappt. Mit Bezug auf einen im Spiegel gefundenen Satz über "Heavy Metal von jener Art, die nicht mehr wirklich Musik ist", schreibt Diederichsen: "Dieser gemeingefährliche Satz von der Kunst, die nicht mehr Kunst ist, ist das Substrat einer weitverbreiteten öffentlichen Überzeugung, die den Symbolen die Schuld an den Verhältnissen gibt, die diese symbolisieren." Und weiter: "Symbolwelten sind immer auch ein Versuch, zu retten und zusammenzuhalten, was soziale Verhältnisse unter Druck setzen, zerreißen, zerstören. Wenn unsere Öffentlichkeit dies bei allen berechtigten Einwänden gegen simple Widerspiegelungstheorien und allem legitimen postmodernen Beharren auf einer gewissen Autonomie und Eigendynamik der Codes vergisst, dann hat sie jeden kritischen Verstand verloren."
Es hat einen guten Grund, dass Diederichsen das Wort "Widerspiegelungstheorie" eingefallen ist - denn erkennbar hängt er selber einer an, und zwar tatsächlich einer recht simplen. Da stehen die Verhältnisse den Symbolen gegenüber, deren Aufgabe es ist, sie auszudrücken.
Und weil die Verhältnisse per definitionem schlecht sind und immer schlechter werden, müssen auch die Symbolwelten zusehends finsterer und gewalttätiger geraten. Doch auch die hat noch sein Gutes, wie Diederichsen weiß: Die Gewalt in der Kunst will mir helfen, die Gewalt der Verhältnisse zu verstehen und zu bewältigen. Diederichsen spricht angesichts der skandalisierten "Metal- und Aggressionskultur" tatsächlich davon, es gelte nicht sie, sondern "die Verhältnisse (zu) kritisieren, die in ihnen dokumentiert sind".
Noch einmal: Es ist richtig und ehrenwert, sich gegen Verbote aufzulehnen.
Aber dabei sollten wir uns nicht über das genuin böse und zerstörerische Potenzial betrügen, ohne das die moderne Kunst nicht zu verstehen ist - und die Popkultur erst recht nicht. Kunst, die nicht mehr wirklich Kunst sein will - das ist ja eigentlich keine schlechte Beschreibung der klassischen Moderne. Es hieße, die Geschichte der europäischen Avantgarde des letzten Jahrhunderts zu verdrehen, wenn man die in ihr zutage getretenen wüsten Destruktionswünsche aus den gesellschaftlichen Verhältnissen ableiten wollte.
Es ist Schönrednerei zu behaupten, dass die Kunst durch Arbeit an den Symbolen "immer auch" den Versuch darstelle, die korrupten Verhältnisse zu retten.
Die Manifeste der Avantgarde - und zwar von linker wie von rechter Seite - sind vielmehr Variationen auf den Satz "Was fällt, das sollt ihr stoßen." Der Hass auf den Bourgeois, der Hass auf den Fortschritt, der Hass auf die Zivilisation waren die Manie der avantgardistischen Künstler des letzten Jahrhunderts, und die extremen Formen der Popkultur sind in ihrem aggressiven Gestus die legitimen Erben dieses Hasses. Es kommt einer Entmündigung gleich, wenn man der modernen Kunst und der Popkultur in ihrem Gefolge die Fähigkeit zu einer Negativität abspricht, die sich weder sozialkritisch herleiten noch therapeutisch umdeuten lässt.
Es wäre vielleicht an der Zeit, die Manifeste der Modernen wieder zu lesen, in denen diese ästhetische Negativität kultiviert wurde: "Wir wollen den Krieg verherrlichen, diese einzige Hygiene der Welt", schrieb Marinetti im ersten Futuristischen Manifest im Februar 1909. "Wir wollen die Museen, die Bibliotheken, und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmässigkeit und Eigennutz beruht." Man rede sich nicht ein, solches radikale - antizivilisatorische - Aufbegehren sei die Ausnahme der jüngeren Kunstgeschichte: "Wir können keinen Namen irgendeines großen Schriftstellers der Moderne zitieren", schrieb der große Lionel Trilling, "der nicht zum Ausdruck gebracht hat, dass das Selbst größere legitime Ansprüche stellt, als irgendeine Kultur zu befriedigen hoffen darf."
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 22/2002
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