Kunst, die keine sein willSeite 2/2

Die Manifeste der Avantgarde - und zwar von linker wie von rechter Seite - sind vielmehr Variationen auf den Satz "Was fällt, das sollt ihr stoßen." Der Hass auf den Bourgeois, der Hass auf den Fortschritt, der Hass auf die Zivilisation waren die Manie der avantgardistischen Künstler des letzten Jahrhunderts, und die extremen Formen der Popkultur sind in ihrem aggressiven Gestus die legitimen Erben dieses Hasses. Es kommt einer Entmündigung gleich, wenn man der modernen Kunst und der Popkultur in ihrem Gefolge die Fähigkeit zu einer Negativität abspricht, die sich weder sozialkritisch herleiten noch therapeutisch umdeuten lässt.

Es wäre vielleicht an der Zeit, die Manifeste der Modernen wieder zu lesen, in denen diese ästhetische Negativität kultiviert wurde: "Wir wollen den Krieg verherrlichen, diese einzige Hygiene der Welt", schrieb Marinetti im ersten Futuristischen Manifest im Februar 1909. "Wir wollen die Museen, die Bibliotheken, und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmässigkeit und Eigennutz beruht." Man rede sich nicht ein, solches radikale - antizivilisatorische - Aufbegehren sei die Ausnahme der jüngeren Kunstgeschichte: "Wir können keinen Namen irgendeines großen Schriftstellers der Moderne zitieren", schrieb der große Lionel Trilling, "der nicht zum Ausdruck gebracht hat, dass das Selbst größere legitime Ansprüche stellt, als irgendeine Kultur zu befriedigen hoffen darf."

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service