Der Mann mit den silbergrauen Schläfen ist stolz auf seinen deutsch klingenden Familiennamen. Hahn heißt er, Hahn Tae Soo. "Ich bete jeden Tag für eure Nationalmannschaft", sagt Herr Hahn auf Koreas südlichster Insel Jeju. Seinen religiösen Beistand für die deutschen Fußballer leistet er nicht ganz ohne Eigeninteresse. Der DFB hat alle 56 Suiten und Zimmer des Fünfsternehotels bestellt, das Hahn Tae Soo als Generalmanager leitet.

Die Deutschen kommen am 12. Juni, sofern sie die Vorrunde überstehen. Und sie bleiben 14 Tage, wenn sie nicht vorzeitig aus ihren Endspielträumen gerissen werden. An Herrn Hahn soll es nicht liegen. Sein Hotel heißt Paradise. Und die Verhältnisse dort sind auch so. Die mediterrane Anlage mit eigenem Golfclub liegt wie auf grünen Matten hoch über dem Gelben Meer. Zum neuen, luftigleichten WM-Stadion von Seogwipo braucht das DFB-Team eine Viertelstunde.

Seogwipo zählt 85 000 Einwohner und ist der zweitgrößte Ort der Insel. Mit ihren bizarren Klippen und Wasserfällen ist die Umgebung der Hafenstadt noch attraktiver als die übrigen malerischen Küstenstriche. Wer Jeju in gut zwei Autostunden umrundet, fühlt sich jeweils minutenlang auf Hawaii oder in Irland, auf Santorini oder in Südfrankreich. Bambuswälder wechseln mit Kiefernschonungen, Rapsfelder mit Pampasgräsern, Mandarinenhaine mit Tropfsteinhöhlen.

Die Orangengärten für die Touristen tragen jetzt schon Früchte zum Fotografieren, obwohl die Ernte erst im Oktober beginnt. Die Bürgersteige der Fischerdörfer sind mit Seetang ausgelegt, den ältere Frauen in Familienverbänden säubern für die Beilagen zu Austern, Abalonen, Muscheln, Rohfischgedecken. Die Taucherinnen von Jeju, die legendären haenjo mit ihrem erweiterten Lungenvolumen, holen die Schalentiere aus der See. Die Meeresfrüchte gehen nach Japan, die Orangen auf das eigene Festland. Die Koreaner und Japaner wiederum kommen auf ihren kurzen Hochzeitsreisen nach Jeju. Junge Pärchen in den Millionenstädten träumen von diesem Heiratsparadies.

Und wenn sie nicht zuvor gestorben wären, die unschuldigen Dorfbewohner von Jeju, die zu Zehntausenden einem unbegreiflichen politischen Massaker zum Opfer fielen, dann lebten heute alle auf dem Eiland fast wie im Märchen. So aber gibt es Menschen, Überlebende, Hinterbliebene, unter den 550 000 Einwohnern und vier Millionen Touristen im Jahr, die das Glück der anderen nie wieder teilen können.

Es steht nicht in den Reise- und WM-Prospekten und auch nicht in den Geschichtsbüchern: Der Rasen der Fußball- und Golfplätze ist auf verbrannter Erde gesät worden. Die Menschen auf dieser Insel mussten mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass sie einen Traum hatten. Es war der Traum, der die meisten Koreaner nach dem Kriegsende und der Befreiung vom japanischen Joch einte. Alle Macht, so wünschten sie, sollte vom eigenen Volk ausgehen. Die armen Bauern und Fischer von Jeju, die wenig Zeit für Patriotismus hatten, klammerten sich an diese Hoffnung wie an einen Rettungsring. Die japanische Kolonialmacht und ihre koreanischen Helfer auf dem Festland hatten ihnen bis 1945 nur das Existenzminimum gelassen. Nun wollten sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich nicht bevormunden lassen. Doch auch die amerikanische Militärregierung und ihre koreanischen Verwalter behandelten Jeju so willkürlich, dass sie den Inselbewohnern bald als Nachfolger der alten Besatzungsmacht erschienen. Im April 1948 führten die Spannungen zu einem Aufstand, dem sich einige tausend Bauern anschlossen.

Was folgte, ist ohne Beispiel in der frühen Nachkriegsgeschichte. Über die gesamte Bevölkerung von Jeju wurde ein barbarisches Strafgericht verhängt.