F U S S B A L L Der Ball ist wund

Ein Team wie das Land: Warum wir nicht mehr Weltspitze sind

Fußball ist das einzige Spiel, das überall auf der Welt populär ist. Sein Erfolgsgeheimnis: Es ist einfach und voraussetzungslos. Man braucht einen Ball, sonst nichts. Und wem Shankley zu befangen erscheint, der kann es ja mit Friedrich Schiller halten: "Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt." Das heißt eben auch: Wer wissen will, wie und was der Mensch ist, muss sehen, wie und was er spielt. Fußball spiegelt die Sehnsüchte nach Aufstieg, Erfolg, Eleganz, dazu nationale Mentalitäten und gesellschaftliche Prozesse.

Deshalb ist das Abschneiden deutscher Mannschaften bei der WM immer schon symbolisch gelesen worden. Der Titelgewinn von 1954, das "Wunder von Bern", wurde nach der Katastrophe des "Dritten Reiches" übersetzt als "wir sind wieder wer". Der Sieg 1974, der Triumph einer mündigen Mannschaft, die sich im Zweifel über die Autorität des Trainers hinwegsetzte, spiegelte die Umbrüche nach 1968. Und 1990 gewann Deutschland mit der Trophäe auch seine Einheit zurück.

Und heute? Nie ist eine deutsche Mannschaft mit geringeren Hoffnungen zum wichtigsten Turnier der Welt aufgebrochen. Wie im richtigen Leben, in all den Rankings in Wirtschaftswachstum, Reformfähigkeit, Innovationsfreude, Schlagersingen, so ist Deutschland auch im Fußball von der Weltspitze weit entfernt. Dieser Abstieg lässt sich ebenfalls sinnbildlich lesen: Nicht nur, dass es hierzulande keine guten Stürmer mehr gibt, die risikofreudig, zielstrebig, technisch perfekt sind. Nein, sogar die Verteidiger made in Germany, jahrzehntelang ein internationales Qualitätsprodukt, sind Auslaufmodelle, unflexibel, überfordert von einer Entwicklung, die von ihnen nicht nur Destruktion des gegnerischen Spiels verlangt, sondern Fantasie für die eigene Vorwärtsbewegung.

Zu lange hat man beim DFB und in den Vereinen an alten Strukturen festgehalten. Der Posten des Nationaltrainers wurde jahrzehntelang wie im Beamtenapparat nach dem Senioritätsprinzip vergeben: als Belohnung für treue Mitarbeiter. Der erste Änderungsversuch endete mit Christoph Daum und seinem Drogenproblem im Chaos. Der jetzige "Teamchef" Rudi Völler ist die klassische Problemlösung der Ära Schröder: Sie ist vor allem publikumswirksam. Der DFB hat vom Kanzler gelernt, wie man das (Fußball-)Volk regiert - mit Bild und Glotze. "Rudi Riese" (Bild) wird's schon richten. Ob der ungelernte Trainer der ersten Mannschaft eines Landes, das gerade in Sachen Taktik, neuer Spielsysteme, Flexibilität auf dem und jenseits des Platzes hinterherhinkt, Beine machen kann? Lange hat sich das Spiel in Deutschland, ebenfalls symbolträchtig, von internationalen Entwicklungen abgeschottet. Auf dem globalisierten Spielermarkt bedient man sich zwar nach Kräften, bei den Trainern aber denkt man national. Ausländische Vorturner und ihre andere Sicht der Dinge haben es in Sepp-Herberger-Country schwer. Dabei sind Weitsicht und Offenheit wichtiger denn je, weil moderner Fußball mehr bedeutet als Flanke - Tor. Er ist eine Hochgeschwindigkeitsdisziplin, in der die Spieler komplizierte Jobs haben. Unter großem Druck müssen sie innerhalb von Sekundenbruchteilen richtungsweisende Entscheidungen treffen. Je besser ihr Coach die Arbeitsplätze miteinander vernetzt hat, umso erfolgreicher wird jeder Einzelne sein. Deutschland übt da noch.

Und für noch etwas steht die deutsche WM-Mannschaft 2002: für eine Nüchternheit, die manchmal nur Bequemlichkeit ist. Der Verteidiger Jörg Heinrich verzichtet freiwillig auf eine Teilnahme, weil er sich nicht in Form fühlt - und offenbar keine Lust hat, sie sich trainierend zu erarbeiten. Schon vorher hatte Mehmet Scholl, einer der wenigen kreativen deutschen Spieler, aus Sorge um seine Gesundheit abgesagt - zum Saisonende aber noch einmal hinreißende Kostproben seines Könnens geliefert. Sich wie weiland 1982 Karl-Heinz Rummenigge die lädierten Knochen eine Halbzeit lang mit Eis zu kühlen und dann die deutsche Mannschaft irgendwie ins Finale zu wühlen fällt ihm nicht ein. Daheim bleiben ist einfacher, vernünftig vielleicht auch. Ehrgeizig, tollkühn, inspirierend ist es nicht. Der einzige Protagonist im Drama des deutschen Fußballs, der auf dem Platz steht, ist Michael Ballack, der Spielmacher von Bayer Leverkusen. Mit der deprimierenden Erfahrung dreier knapp verpasster Titel im Gepäck, den Fuß am Spielbein lädiert, humpelt er der ersten Partie gegen Saudi-Arabien entgegen. Ge- und Misslingen des deutschen Auftritts hängt an ihm, der lange als Prototyp des Wohlstandsjünglings und Schönwetterkickers geschmäht wurde. Ob ihm in Fernost der endgültige Durchbruch gelingt, wird viel darüber sagen, welche Zukunft das Spiel mit dem Kennzeichen D international hat.

In fast allen Ländern, die an der WM teilnehmen, ist das Spiel für junge Leute nach wie vor eine Chance, den Favelas und Slums, den Emigrantenghettos der banlieues und der Gräunis einer Working-Class-Siedlung zu enteilen. Diesen Biss, der aus dem Elend kommt, braucht man in Deutschland Gott sei Dank kaum mehr; die Hungrigen freilich kicken anderswo. Könnte nicht diese Zwanglosigkeit, und sei sie das Ergebnis fehlender Illusionen, eine Chance sein für eine neue deutsche Spielkultur? Nein, dafür ist es uns mit dem Spiel dann doch noch zu ernst. Die jetzige Mannschaft ist eine, die es nicht als Lust oder Chance, sondern als ihre saure Pflicht begreift, aus dem Mittelmaß herauszukommen. Am Ende wird es so einen Krampf geben wie auf Christian Zieges Kopf: Nur einen schmalen Streifen Haar gönnt der Verteidiger sich noch, freilich schwarz-rot-golden gefärbt. Was anderswo den Scheitelpunkt der Popkultur bildet, ist beim Deutschen so cool wie das neue Trikot der Mannschaft - alles mausgrau.

Doch egal, wie schwach diese deutsche Mannschaft abschneidet - unserer Anteilnahme kann sie gewiss sein. Für den Fan ist die große Niederlage fast wichtiger als der Sieg, denn nur vor der Folie der Demütigungen strahlt der Erfolg erst richtig. Seriensieger sind langweilig, die besseren Geschichten sind mit Tränen gewässert. Und was ist der Fußball ohne die Legenden, Anekdoten, Sprüche, die recht eigentlich die Nationalliteratur eines Volkes bilden? In ihr ist der Elfmeter, den Uli Hoeneß 1976 im Finale der Europameisterschaft verschoss, wichtiger als jener, den Andreas Brehme zum WM-Titelgewinn 1990 verwandelte. Und wären je philosophische Traktate über das Wembley-Tor von 1966 verfasst worden, wenn Deutschland das Spiel gewonnen hätte?

Na, dann verliert mal schön!

Das ZEIT-Spezial zur Fußball-WM: www.zeit.de/fussball-wm

 
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