P I S A Finnische Lektionen

In Helsinki geben sich deutsche Bildungspolitiker die Klinke in die Hand. Vom Pisa-Sieger lässt sich lernen, wie Schule Spaß macht

Am Flughafen von Helsinki registriert Cornelius Sommer "Delegation Nummer 23". Mit dem Zählen hat der deutsche Botschafter in Finnland vergangenen Dezember begonnen. Seitdem zieht es seine Landsleute, deren Schulen im internationalen Pisa-Vergleich so blamabel abschnitten, an den Wendekreis der Pädagogik. In Schweden und vor allem in Finnland, das in den Naturwissenschaften Spitze und im Lesen Weltmeister ist, versuchen Landtagsabgeordnete, Schulpolitiker und Ministerpräsidenten dem Erfolg auf die Spur zu kommen. Ein Ende der Neugier ist nicht abzusehen. Schon bemüht sich ein Reisebüro aus Brandenburg um finnische Vertragsschulen, um deutschen Bildungsreisenden ein Inklusivpaket mit Flug, Urlaub und der Schule der Zukunft anzubieten.

Delegation 23 allerdings ist exklusiv. Gelandet ist Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, begleitet von sechs Kultusministern und einem Tross Experten. Der Besuch leidet dabei unter dem typisch deutschen Bildungskleinkrieg. Denn eigentlich hatte Frau Bulmahn alle 16 Kultusminister eingeladen. Doch sämtliche CDU-Minister sagten ab, wegen Terminproblemen. Auch im eigenen SPD-Clan gab es mehr oder weniger entschuldigtes Fehlen. Eine gemeinsame Helsinki-Konferenz für die deutsche Bildung - so weit sind die obersten deutschen Schulpolitiker nun doch noch nicht.

In der Bulmahn-Truppe kann sich schon beim ersten Schulbesuch niemand der finnischen Faszination entziehen. Nirgendwo Spuren der Verwahrlosung, weder am Mobiliar noch "in den Wänden", wie man in Finnland sagt, wenn man vom Geist des Hauses spricht. "Unglaublich, hier ziehen wirklich Lehrer und Schüler am gleichen Strang", schwärmt Steffen Reiche, Kultusminister aus Potsdam. Und sein Bremer Kollege Willi Lemke stimmt ein: "Hier ist es offenbar die Regel, dass Schüler Lust am Lernen haben und Lehrer gern zur Schule gehen. Das hab ich in diesem Maß noch nie gesehen." Lemke fasst sich mit beiden Händen an den Kopf, "und das, obwohl Lehrer hier ein Drittel weniger verdienen als bei uns"! Natürlich gebe es auch in Bremen Freude an der Schule, aber als Ausnahme. "Schule ist bei uns uncool. Hier herrscht ein ganz anderer Sog. Wo kommt der nur her?" Das soll während der viertägigen Bildungsreise in Skandinavien die Leitfrage werden.

Mit Bedacht beginnt der Anschauungsunterricht in einer ganz normalen Schule, die in einem eher "belasteten Gebiet" liegt, mit Ausländern und sozialen Problemen. Doch anders als im Stadtteil gibt es in der Meri-Rastila-Schule in Helsinki so gut wie keine Gewalt. Auch die Migrantenkinder bringen es zu guten Leistungen. Die Frage, ob muttersprachlicher Unterricht erteilt wird oder Finnisch für Einwanderer, stellt sich hier, anders als häufig in Deutschland, nicht. Finnisch ist Pflicht für alle, muttersprachlicher Unterricht ein Recht, das von allen Kindern mit ausländischen Eltern gern wahrgenommen wird.

"Auf den Anfang kommt es an", lautet die erste Lektion aus Finnland. Eine andere heißt: "Keinen Schüler aufgeben". Die deutschen Besucher sehen spezielle Klassen mit nur einer Hand voll Kindern aus Russland, Afrika oder Asien. Ihre Lehrer verfügen über ein dickes Portfolio mit Spielen, Lernübungen und vor allem einer ansteckenden Begeisterung fürs Lernen. Eine Lehrerin berichtet, wie stolz sie auf ihre Schüler sei, die es meistens bereits nach einigen Monaten in der Förderklasse schafften, dem regulären Unterricht zu folgen.

Bis zur 6. Klasse keine Noten

Auch in normalen Klassen ist die Betreuung vorbildlich: Bis zu zwei Vorschullehrer und eine Assistentin unterrichten 15 Kinder. Fast 5000 Dollar ist den Finnen im Jahr ein Grundschüler wert, den Deutschen nur 3531 Dollar. Später, in der Oberstufe, kehrt sich das Verhältnis um, dort werden die finnischen Schulen billiger als die deutschen. In allen skandinavischen Ländern ist die Vorschule heute das wichtigste Thema. Fast hundert Prozent der Kinder besuchen inzwischen die freiwillige Vorschulklasse. Vor dieser Klasse null gibt es Kindergärten, in denen durchweg akademisch ausgebildete Lehrer arbeiten.

Bis zur 9. Klasse gehen alle Finnen gemeinsam zur Schule. Sonderschulen gibt es nicht. Zu jeder Schule gehört ein Team von Speziallehrern und Psychologen, die sich um Kinder mit Schwierigkeiten kümmern. Auch gute Schüler scheuen nicht den Gang zum Berater. Hilfe in Anspruch zu nehmen gilt nicht als Schande. Prüfungen haben nichts von einem Strafgericht mit anschließender Auslese. Bis zur 6. Klasse gibt es keine Noten. Kinder nicht zu beschämen ist der wichtigste Grundsatz finnischer Pädagogik. Diese Maxime ist so selbstverständlich, dass sie selten ausgesprochen wird. Doch bei diesem Satz werden die Deutschen hellhörig und fragen ungläubig nach. Im Bus werden dann Geschichten von schulpflichtigen Kindern erzählt, denen in der Schule beigebracht wird, dass sie unverbesserlich blöd seien. Finnen dagegen glauben, dass jedes Kind lesen, schreiben, rechnen und in der Regel drei Fremdsprachen lernen kann, so wie es laufen und sprechen lernt.

Ja, sagen da die etwas musterschülerhaft wirkenden deutschen Minister, das wollen wir auch. Sagen Sie uns, wie man das macht! Da gebe es viele Wege, antworten die Finnen, ihre Schulen seien sehr verschieden. Nehmen wir Schulleiter Jukka Ahonen von der Meri-Rastila-Schule. Er stellt die Lehrer in Abstimmung mit dem Board ein, einer Art Aufsichtsrat, in dem Eltern, ein Lehrer und auch ein Schüler vertreten sind. Der Schulleiter verfügt über sein Budget wie ein Unternehmer. Er ist kein Ausführender von Bestimmungen wie häufig in Deutschland, keiner, der im Zweifelsfall auf die Marionettenfäden zur Schulbehörde verweist, an denen er in Hassliebe hängt. Jukka Ahonen und seine Lehrermannschaft dürfen selbstständig entscheiden, was und wie sie unterrichten.

So viel Souveränität funktioniert nur, wenn das Schulpersonal miteinander redet. Wöchentlich zwei bis drei Stunden verbringen die Lehrer in der Meri-Rastila-Schule in Teamsitzungen. Wer selbst etwas schafft, ist stolz auf seine Leistungen. Das gilt nicht nur für Schüler, sondern ebenso für Lehrer. Angesichts der in vielen deutschen Lehrerzimmern gepflegten Larmoyanz überrascht die deutschen Besucher immer wieder der Stolz, mit dem finnische Schulmeister über ihre Arbeit reden.

Aber nach der ersten Begeisterung für die Vertrauenskultur kommt das alte Misstrauen durch. Wie verhält es sich mit der Schulaufsicht, welche Kontrollen sorgen für Verbindlichkeit? Die freundlichen Finnen müssen manchmal nachhaken, um den Sinn einer Frage zu verstehen. Eine Schulaufsicht gibt es überhaupt nicht. Schulen geben sich ihr eigenes Curriculum. Nationale Lehrpläne geben nur Ziele vor, nicht die Wege. Das Zentralamt für das Unterrichtswesen bietet mit seinen Fachberatern vor allem Unterstützung an.

Dennoch wird getestet. Jedes Jahr werden 120 von den 4000 Schulen im Land zum Vergleichstest ausgewählt. Andere dürfen sich freiwillig beteiligen. Inzwischen lässt sich etwa ein Drittel aller Schulen jährlich evaluieren. Schulen, die nicht ausgewählt wurden, müssen für die Teilnahme 1000 Euro Gebühr zahlen. Da schlägt sich Berlins Schulsenator Klaus Böger auf die Schenkel. "Ich müsste meinen Schulen eher etwas zahlen, damit sie sich testen lassen." Hätten wir doch die finnische Testkultur, schwärmen die Minister und vergessen, dass sich das Ministerium und vor allem das Zentralamt in Helsinki ansonsten aller Kontrolle enthalten. Getestet werden nicht die Leistungen der Schüler, sondern die Qualität der Schulen. Sie haben versagt, wenn es an den Leistungen der Schüler hapert, nicht die Schüler selbst.

Und wie steht es mit der Veröffentlichung der Testergebnisse und einem Ranking? "Nein!" Schulleiter Jukka Ahonen schüttelt den Kopf. Sowenig wie man Kinder beschämen möchte, sowenig dürften Schulen in der Öffentlichkeit vorgeführt werden. Jede getestete Schule bekommt nur ihr eigenes Ergebnis und das nationale Durchschnittsresultat mitgeteilt. Da Leistungen stark vom Einzugsgebiet der Schule beeinflusst werden, gibt es noch eine dritte wichtige Zahl: den so genannten Erwartungswert. Er gibt an, welche Durchschnittsleistungen die Schule angesichts der Zusammensetzung ihrer Schüler erbringen sollte.

Natürlich haben auch finnische Lehranstalten Probleme. Doch die meisten Schulen können sie selbst lösen, sagt Jukka Sarjala, Präsident des Zentralamts für das Unterrichtswesen. "Jede Schule ist so ausgestattet, dass sie sich selbst evaluieren kann." Aber das setze eben voraus, dass sie sich nichts vormachen und Schwächen nicht vertuschen. Damit ist der oberste finnische Schulbeamte bei dem Thema, das ihm das wichtigste ist: bei der Seele der Schule, die auf Selbstbewusstsein, Gemeinschaft und Vertrauen basiert, das Politik und Gesellschaft der Schule entgegenbringen.

Erfolgsgeheimnis Gesamtschule

Doch ein solcher Geist lässt sich nicht beliebig importieren - erst recht nicht von einem Land, das gerade dabei ist, einen 30-jährigen schulpolitischen Glaubenskrieg zu beenden. Deutlich wird dies auf der Reise beim Thema Gesamtschulen. Sie seien das Geheimnis ihres Erfolgs, die Grundlage der finnischen Schulseele, sagt Jukka Sarjala. Doch selbst die sozialdemokratischen Kultusminister wollen das vergiftete Thema Gesamtschule nicht berühren. Später, als sie zurück in Deutschland vor der Presse von ihren skandinavischen Lehren berichten, ist von der finnischen Einheitsschule kaum die Rede. Sarjala sagt es trotzdem: "In keiner Schule dürfen Schüler ausgeschlossen werden. Niemand darf von seiner Schule herabgestuft werden. Es darf keine schlechten Schulen für schlechte Schüler geben, denn so erst werden schlechte Schüler produziert."

Früher, als Finnland noch mit einem dreigliedrigen System nach deutschem Vorbild gearbeitet habe, sagt Jukka Sarjala, sei es darauf angekommen, dass Schüler ihre Lehrer verstehen. Inzwischen haben die Lehrer gelernt, ihre Schüler zu verstehen. "Ein Lehrer muss in einer Klasse mit 25 Kindern 25 verschiedene Konzepte entwickeln, das ist eigentlich alles", sagt Sarjala schmunzelnd und lässt die halb euphorischen, halb ratlosen Gäste weiterziehen.

Vom Geist der finnischen Gesamtschulen ist auch die deutsche Schule in Helsinki angesteckt. Dort stehen die Türen der Klassenzimmer offen, und mindestens zweimal die Woche besuchen sich die Lehrer gegenseitig. Dort hört die Delegation von Schülern Sätze wie: "In Deutschland haben wir gelernt, um gleich wieder zu vergessen." Oder: "Hier sind unsere Lehrer wie Freunde." Lehrerin Claudia Lehtovouri, die aus Hamburg kommt, sagt schlicht: "Schule kann auch gut tun."

Man müsste ein neues Wort für Gesamtschulen finden, überlegt bei der Rückfahrt ein Teilnehmer der deutschen Delegation. Jede Schule müsse nach oben offen werden und sich verpflichten, keine Kinder mehr rauszuwerfen. Er sagt es hinter vorgehaltener Hand, als würde eine konspirative Aktion vorbereitet.

 
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