Manche politischen Themen sind besonders sprachregelungsanfällig. Die Familienpolitik gehört sicher dazu. Der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Renate Schmidt ist es trotzdem gelungen, ein kluges Buch über den Zustand dieses Politikfeldes zu schreiben; und erfreulicherweise ziehen darin keine Horden von außer Kontrolle geratenen Schlagworten umher.

Vielmehr verbindet Schmidt in lebendiger Sprache Erfahrungen aus ihrer eigenen Biografie mit den familienrelevanten Fragen, die im Augenblick zur Debatte stehen: Das sind vor allem die Familienfinanzierung, die aushäusige Kinderbetreuung und die aktuellen Spielregeln des Geschlechterverhältnisses.

Die Autorin zeigt so viel glaubwürdiges Engagement, so viel kämpferische Parteilichkeit für Eltern und Kinder, dass sie es sich leisten kann, ein paar weniger populäre Einsichten mitzuverkünden. "Familien sind nicht deshalb arm, weil sie Kinder haben", schreibt Schmidt zum Beispiel, und wendet sich damit gegen die bei Familienlobbyisten beliebte Mangelrhetorik. "Tatsächlich verarmen Familien, weil die Eltern wegen fehlender oder ungenügender Bildung und Ausbildung arbeitslos sind. Oder, in den neuen Bundesländern insbesondere, weil sie trotz ausreichender Ausbildung arbeitslos sind." Diese These untermauert Renate Schmidt mit einer Übersicht über die realen Kinderkosten, über die Steuerbelastung von Eltern und Kinderlosen und die Vielzahl von staatlichen Leistungen für Familien. Selten wurde der zugehörige Datensumpf systematischer trockengelegt.

Familienpolitik ist für Renate Schmidt mehr als Frauenförderung, darin weicht sie von der klassischen Linie der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) ab. Die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" ist ihr wichtig, natürlich, aber für beide Eltern: Es geht ihr darum, wie Männer mehr in die Familienarbeit hineingezogen werden können. Und vor allem darum, was den Kindern gut tut. Deshalb spricht sich die Sozialdemokratin zwar für einen Ausbau der staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen aus, aber eben auch für nichtstaatliche Vielfalt: für Tagesmütter, Elterninitiativen und die steuerliche Absetzbarkeit von Haushaltshilfen. Schmidt erzählt, dass sie selbst als dreifache Mutter ohne Beruf todunglücklich geworden wäre - und zeigt gleichzeitig jeden Respekt für Frauen (oder Männer), die sich ganz und gar ihren Kindern widmen wollen.

Deutlich wird in S.O.S. Familie, wie sehr die Zufriedenheit der Eltern und das Glück der Kinder davon abhängen, dass Väter sich an der Erziehung beteiligen (können). Nicht immer ist es deren böser Macho-Wille, der sie auf Abstand zum Familienleben hält. Renate Schmidt nennt eindrucksvolle Beispiele dafür, mit welcher Ignoranz die Arbeitswelt der Vorgesetzten und Kollegen erziehungswilligen Vätern bisher begegnet. Nicht ohne gleichzeitig darauf hinzuweisen, welch vornehme Distanz zum "feuchten Textil, sei es Feudel, Windel oder Wäsche", auch die fortschrittlichsten Männer bis heute halten. Damit hat sie zweifellos Recht. Aber dieses Problem, da sind wir zuversichtlich, wird die soziale Evolution eines Tages hinwegspülen.

Renate Schmidt: S.O.S.Familie
Ohne Familie sehen wir alt aus; Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2002; 205 S., 16,90 €