An manchen Tagen steht Werner Stober einfach nur da und wartet. Dann laufen die Menschen an seiner kleinen hölzernen Sitzbank und dem Kasten mit den Bürsten und der Poliercreme vorbei. Dann wollen sie sich einfach nicht die Schuhe putzen lassen. "Viele haben da eine Hemmschwelle", sagt der 56-Jährige, "dabei ist das doch gar keine Sklavenarbeit." In New York gehen die Wallstreet-Banker ganz selbstverständlich zum shoeshine-man.

Stober ist "De Bottenputzer". Für 1,50 Euro das Paar entstaubt, fettet und poliert er Schuhe. Meist steht er in der Landesbank-Passage im Hamburger Stadtzentrum, manchmal auch am Rothenbaum, beim Tennisturnier. "Dort sagen die Leute oft: ,Machen Sie schnell, sonst sieht mich noch einer.'" Oder auf dem Springderby in Klein Flottbek, wo die Menschen freundlicher sind, wo nur leider die Reiter ihre Stallburschen haben, die ihnen die Stiefel sauber machen.

Seit mehr als vier Jahren leistet Werner Stober täglich Dienst am Schuh. Der gesprächige Rheinländer hat Vermessungstechniker gelernt, war eine Zeit lang arbeits- und obdachlos und fand mit dem Schuheputzen eine neue Aufgabe.

Geholfen hat ihm die gemeinnützige Organisation Herz As, die das Obdachlosen-Projekt "De Bottenputzer" 1998 gegründet hat. Von öffentlichen Plätzen wurde Stober immer wieder verscheucht - sonst würden ja auch noch andere kommen, haben die Behörden gesagt. "Da reden die immer, dass sich die Leute was einfallen lassen sollen, und wenn dann einer was tut, darf er nirgendwo hin", wundert er sich.

In der Passage der Landesbank darf er stehen, putzt vor allem ein paar Dutzend Stammkunden regelmäßig die Schuhe - Angestellte aus den Geschäften drum herum, viele Banker. "Sogar der Vorstand kommt zu mir", sagt er stolz.

Am Anfang hat Herz As die Putzbank bezahlt, die Bürsten und die Schuhcreme.

Jetzt kauft Stober auf eigene Rechnung einmal im Monat ein. Bei seinem Schuster hat er 20 Prozent Rabatt rausgehandelt. Die Landesbank und ein paar andere Geschäfte unterstützen sein kleines Unternehmen, erstatten ihm 60 Euro im Monat für sein Arbeitsmaterial, wenn er die Rechnungen einreicht.