Ein Journalist aus Texas hat es kürzlich vermocht, in einem Satz zu erklären, warum Amerikaner und Europäer so gerne aufeinander losgehen: "Wir glauben, die Europäer palavern bloß und handeln nie

die glauben, wir Amerikaner handeln bloß und überlegen nie." Diese Kurzfassung der transatlantischen Stereotypen gelang bei einem Seminar des German Marshall Fund of the United States, einer jener Organisationen, die Brücken über den Atlantik zu bauen versuchen. Begründet durch eine Schenkung der Regierung Willy Brandt aus Dankbarkeit für die amerikanische Wiederaufbauhilfe, wird der Marshall Fund kommende Woche 30 Jahre alt und mit einem Forum im Deutschen Bundestag gehörig gefeiert. Angesichts dauernder transatlantischer Sticheleien sieht es so aus, als habe der Marshall Fund Stoff für weitere 30 Jahre Kolloquien, Konferenzen, Forschungsprojekte mit Führungskräften aller Art.

Das Innenleben des Fund spiegelt die transatlantischen Wechselfälle. In Zeiten der Blockauseinandersetzung fanden sich im Marshall Fund viele Raketenzähler und Strategen von beiden atlantischen Küsten zusammen. Als die Mauer fiel, half der Marshall Fund, die Demokratie im ehemaligen Warschauer Pakt zu fördern. Nicht erst mit dem Terroranschlag vom 11. September ist das transatlantische Gespräch zum Streit geworden.

Um zwei Arten von Konflikten geht es: jene, die aus wachsender Ferne resultieren, und jene, die aus wachsender Nähe entstehen. Scheinbar hat die Globalisierung den Atlantik schrumpfen lassen. Weil der Warenverkehr beständig expandiert, werden Stahl- und Agrarsubventionen sowie genetisch veränderte Lebensmittel zu Konfliktthemen. Andererseits scheint der Fall der Mauer den Atlantik zur Wertescheide gemacht zu haben. Während sich Amerika weiter auf Real- und Machtpolitik verlässt, bricht in Europa ein postmodernes Zeitalter des Multilateralismus und des Weltrechts an. Das erschwert das Gespräch über Bedrohungsszenarien und Reaktionen.

In diesem Spannungsfeld findet der Marshall Fund seine neue Aufgabe. Sein Direktor Craig Kennedy ist kein Anhänger des romantisierenden Bildes von der transatlantischen Symbiose. Er will, dass "beide Seiten sich ehrlich machen und ihre Unterschiede klar benennen". Das hieße für Europäer, sich jenen Amerikanern auszusetzen, die Europa für irrelevant und aufsässig halten. Und für Amerikaner, jenen Europäern zuzuhören, die Amerika für simplistisch und kriegsnärrisch halten. Für diesen Zusammenprall der Kulturen bietet Kennedy seine Organisation an. Warum? "Weil die Welt immer besser dran war", sagt Kennedy, "wenn Amerika und Europa über Unterschiede hinweg zusammengefunden haben." Thomas Kleine-Brockhoff