Der Hinrichtungsort liegt für chinesische Verhältnisse nicht abseits. Die Provinzhauptstadt Zhengzhou und die alte Kaiserstadt Kaifeng am Gelben Fluss, durch die viele Touristen spazieren, sind nur eine Fahrstunde weit entfernt.

Dennoch gehen die zuständigen Justizbehörden der Provinz Henan davon aus, dass sich in der 300 000-Einwohner-Stadt Xuchang, die außer einer McDonald's-Filiale und zwei Kirchen keine weiteren Besonderheiten aufweist, ungestört und in aller Öffentlichkeit Menschen erschießen lassen. Allerdings lösen diese Exekutionen in China heute keine Massenbegeisterung mehr aus wie die Liquidierung von Großgrundbesitzern nach der maoistischen Revolution von 1949.

Den Bürgern von Xuchang ist das Thema eher unangenehm. Niemand erinnert sich gern daran, dass hier kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest im Februar an einem Tag elf Männer von Polizisten durch Genickschüsse getötet wurden. Die Verurteilten waren der Mitgliedschaft eines örtlichen Mafiarings überführt worden, der von Beamten und Geschäftsleuten hohe Schutzgelder erpresste. Und da die Parteispitze in Peking im Rahmen einer landesweiten Antiverbrechenskampagne besonderen Wert auf die Bekämpfung von Korruption und Wirtschaftsverbrechen legt, wurde die Todesstrafe öffentlich vollstreckt.

"Natürlich habe ich den Lastwagen mit den Verurteilten vorbeifahren sehen", sagt Li Weijun, Besitzer eines kleinen, stadtauswärts am Bandai-Fluss gelegenen Restaurants. Nicht weit von seinem Lokal, in Sichtweite der Schnellstraße nach Zhengzhou, streckt sich ein mit Scherben und Müllresten übersäter Erdwall durch unbebautes Gelände. Jeder in Xuchang kennt den Ort.

"Da gibt es nichts zu sehen", sagen die Taxifahrer, von denen viele die Fahrt zum Bandai-Fluss nicht antreten wollen. "Ich gehe nie dorthin und war nie bei einer Erschießung. Ich habe zu viel Angst", gesteht die Frau des Restaurantbesitzers. Wie sie halten es die meisten.

Aber Li, der Restaurantbesitzer, war schon oft an Ort und Stelle. "Es hat mich interessiert, ich war neugierig." Zehnmal habe er wohl bei einer Hinrichtung zugesehen. Es sei genau so, wie es im Fernsehen immer gezeigt werde: "Alle stehen in einer Reihe. Wir, die Zuschauer, stehen 150 Meter entfernt, damit nichts passiert, wenn sich eine Kugel verirrt. Den Kandidaten sind die Hände auf den Rücken gebunden. Jeder hat einen Polizisten mit der Waffe hinter sich. Dann gibt es einmal einen lauten Knall, denn alle schießen gleichzeitig." Als abstoßend hat Li dies nie empfunden. "Grausam ist es, wenn die Leute einen Mord begangen haben, aber nicht, wenn sie dafür bestraft werden", findet er.

Die Behörden scheinen dennoch zu spüren, dass Hinrichtungen als Schauspiel beim Volk nicht beliebt sind. Meist kommen nur ein paar Dutzend Schaulustige zu den Vollstreckungen. Damit die Abschreckung trotzdem funktioniert, werden Todesurteile bei besonderen Gelegenheiten öffentlich im Stadtzentrum verlesen. Das ähnelt dann einer Massenveranstaltung wie zu Maos Zeiten - nur ohne die Euphorie des Publikums.