Im Fernen Osten wird Fußball gespielt. Im nahen Westen feiert ein Volk seine Königin. Vier Tage lang, von Samstag bis Dienstag, wird auf der Insel das fünfzigjährige Thronjubiläum der zweiten Elisabeth begangen. Eine etwas unglückliche Terminüberschneidung, möchte man meinen. Eine von der Tageszeitung The Guardian in Auftrag gegebene Umfrage ergab denn auch, dass 49 Prozent der Briten Fußball gucken und nur 30 Prozent sich die Übertragung der Kronfeier ansehen werden. Mit einer Ausnahme. Die im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf Chancenlosen, das vom New-Labour-Boom ausgesparte "Lumpenproletariat", wird mehrheitlich der Monarchie die Huld erweisen.

Ein erstaunliches Ergebnis? Ganz und gar nicht. Es gibt ein unausgesprochenes Bündnis der Unterprivilegierten mit dem Königshaus, das seine Wurzeln im Mittelalter und in der vormittelalterlichen Sagenwelt hat. Seit Jahrhunderten rufen Untertanen die Krone als Beistand gegen raffgierige Landbesitzer und Aristokraten an. Bis heute überschütten Menschen, die sich ins Unrecht gesetzt sehen, die Queen mit Eingaben und Petitionen. In jüngerer Zeit versinnbildlichte vor allem Diana den innigen Pakt zwischen Royals und Underdogs. Wenn sie im tristen Nieselgrau bleigrauer Industriebrachen auftauchte, warteten die Menschen zu Hunderten, um ihr einen Blumenstrauß zu überreichen - und dafür einen Händedruck, vielleicht sogar ein persönliches Wort zu erhaschen. Als Diana 1997 starb, flehte die Balkenüberschrift einer Boulevardzeitung die Queen an: IHR VOLK LEIDET, SPRECHEN SIE ZU UNS!

Die Queen trat zum ersten Mal live im Fernsehen auf. Vor Buckingham Palace hatte sich eine riesige Menschenmenge angesammelt. Durch die offenen Fenstern drangen das Gemurmel der Massen und das Kratzen ungeduldig auf dem Asphalt scharrender Füße ins Innere. Das ganze Land wusste, was Elisabeth von Diana gehalten hatte: nicht sehr viel. Ein besorgter Höfling fragte die Königin: "Werden Sie es schaffen?" Sie antwortete: "Wenn es denn sein muss." Die Kamera lief an. Und die Queen begann: "Was ich jetzt sage, sage ich als Königin und als Großmutter, und ich sage es aus tiefstem Herzen." Ihr Auftritt war, erinnert sich der Schriftsteller Martin Amis, "eine meisterhafte Darbietung. Die Königin gestand der geradezu pathologisch erregten Masse zu, wonach sie lechzte. Aber sie opferte mit keinem Satz ihre Integrität. Sie suchte keine Zuflucht in aphoristischer Beredsamkeit. Von den zwei Wörtern, die das Volk hören wollte, gewährte sie ihm eines, Trauer, aber nicht das andere, Liebe."

Anstand und Haltung

Die Queen überstand die Krise in wahrhaft majestätischer Manier. Dennoch schoss sich die Presse auf sie ein. In einer 1998 in der Sunday Times veröffentlichten Tabelle der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes nahm sie den letzten Platz ein, weit abgeschlagen hinter Leuten wie dem Medien-Tycoon Rupert Murdoch (Platz 13), dem Ex-IRA-Terroristen Gerry Adams (31) und dem Ex-Beatle Paul McCartney (33). Im vergangenen Jahr starteten der linksliberale Guardian und das rechtspopulistische Massenblatt Sun einen Feldzug gegen das Königshaus. Es stehe einer grundlegenden Modernisierung Großbritanniens im Weg. Die Kampagne der Sun kam bei ihren Lesern nicht recht an. Heute kann man in der meistgekauften Zeitung des Königreichs wieder lesen, die Queen sei "clever, sympathisch, mitreißend und intelligent". Eine demokratische Erneuerung der Monarchie nach holländischem oder skandinavischem Vorbild kommt für die Königin freilich nicht in Frage.

Aber ein wenig angepasst hat sie sich doch. Ihre PR-Berater machen sie den Medien seit dem Tod von Queen Mum als neue Lieblingsoma der Nation schmackhaft.

Zu den Stammlesern der Sun gehören zu kurz gekommene Menschen, die ein dumpfer Widerwille gegen die linksliberale Diktatur politischer Korrektheit eint und die glauben, durch den Zustrom von Immigranten ins Hintertreffen geraten zu sein. Menschen, die Diana - sie wäre die erste Person englischer Abstammung auf dem britischen Thron gewesen - wie eine Heilige anbeteten. Wie überall in Europa brechen auch bei diesen Leuten zurzeit irrationale Affekte wie Xenophobie, Nationalismus, Rassismus offen hervor.