In einer Welt, wo Verpackung mehr zählt als Inhalt, hilft Eigenbrötlern nur die Flucht nach vorn. Für die mainstreamfernste CD der Saison wurde eine bemalte Leinwand in tausend Stücke zerschnitten, die nun als Cover dienen, und das Booklet schrieb ein schwedischer Kriminalbeamter, der zum Dichten neigt: Wenn eine Orgelpfeife fast 14 Minuten lang nervtötend fiept wie ein Wasserkessel, denkt Ingvar Loco Nordin an den feinen Strahl der aufgehenden Sonne im Winterwald, und der Einsatz einer brummenden elektrischen Zahnbürste stimmt ihn hymnisch.

Sein Freund Matthias Kaul ist experimentierfreudigen Hörern nicht unbekannt, lebt in den Wäldern des ehemaligen Zonenrandgebiets der norddeutschen Tiefebene und legt seine Erforschung klanglicher Randzonen jetzt in limitierter Auflage vor (Fever, Berslton 1020120, bestellbar über www.nurnichtnur.com). Komponist Kaul macht alles selbst, auch wenn er sich dazu Kastagnetten an die Füße schnallen muss. Es geht ihm dabei nicht um Spektakel, sondern um Laute, Kombinationen, Rhythmen, Assoziationen, die aus dem Sog der Gewohnheit herausführen. Wenn auch nicht immer aus dem Sog der Programme und Absichten, mit denen Kaul und sein schwedischer Exeget jeden der Five Songs from a Percussionist so schwer behängen, dass das weltmusikalische Gutmenschentum mitunter der guten Musik im Wege ist. Da gemahnen dann Drehleier und fernöstliches Metallgerät an die Leiden der Mutter Erde, und 98 militärische Schläge auf die Snare-Drum eröffnen den Leidensweg des Amadeu Antonio Kiowa, 1990 von deutschen Neonazis ermordet. Da muss man sich gleich schämen, wenn der Klang einen kalt lässt.

Aber meist haben Kauls Stücke genug Substanz und Leben, um sich nicht festlegen zu lassen - in Bachmann etwa wird mit der Glasharfe nicht die Ingeborg gesucht, sondern allenfalls die Anmutung ihrer Lyrik. Gleißende Klangwolken schaukeln einem im Schädel herum, gut gegen das Kopfweh, das einem die erwähnte Orgelpfeife in Fever unter Umständen machen kann. Ihr Gefiepe scheint jenes Fieber zu sein, gegen das der gelernte Rockschlagzeuger Kaul dann wütet wie ein Gefangener.

Am schönsten ist das neueste Stück, Listen, this is for You (II), das im Spannungsfeld zwischen elektrischer Zahnbürste, mongolischem Obertongesang und Lennons rückwärts abgespieltem Oh Yoko keineswegs zum Flohmarkt der Beliebigkeiten wird, sondern zur zweiten Natur, in der die Klangspuren der Menschen sich gleichsam in neue Blätter und Ranken verwandeln und ein Gong zur Sonne wird. Das kann auch schwedische Kriminalbeamte zu Dichtern machen.