Längst geht es nicht mehr um Möllemanns Ungeniertheiten oder um die deutsche Vergangenheit, die uns angeblich an der Kritik gegenüber Israel hindere. Salomon Korn vom Zentralrat der Juden hat Recht: Der Tabubruch ist bloß inszeniert. Momentan findet ein Aufstand der Unanständigkeit statt. Zwei FDP-Politiker trommeln, um Stimmen zu sammeln, egal ob von den Republikanern oder der PDS, von den Großen ohnehin.

Ja, der Parteienlandschaft droht ein tektonisches Beben. Es sieht nicht so aus, als werde die FDP als neue "Anti-System-Partei" aus eigener Kraft die Geister noch einmal los, die sie rief. Das Echo wird sie bestärken darin, scheinheilig wie Westerwelle von einem "Dienst an der Demokratie" zu sprechen. Derlei lernt er von Möllemann, der sich nicht mehr scheut, offen zu erklären, der "gemeinsame Nenner" für die Wahlerfolge der Rechtspopulisten sei "weder ein Rechtstrend noch ein Linkstrend, sondern die Emanzipation der Demokraten". Möllemann ging im Neuen Deutschland sogar so weit, dies als eine "Welle des erwachenden Selbstbewusstsein" zu interpretieren. Keiner kann mehr sagen, er wisse nicht, was Möllemann will - der Applaus von Jörg Haider kam prompt.

Gegen den diffusen Extremismus, der aus der Mitte der FDP kommt, können auf der politischen Bühne nur noch Schröder und Stoiber eine rote Linie ziehen.

Der Kanzler hat immerhin noch seinen Partner, die Grünen, im Notfall bleibt der SPD die Option Große Koalition. In das wahre Dilemma gerät Stoiber, der vielen schon als Sieger gilt, es aber ohne die FDP nicht werden kann. Ganz wie Schröder in der Neuen Mitte 1998, bloß nicht wie der Polarisierer Strauß im Jahr 1980 - das galt bisher als Erfolgsmaxime. Mit einem Schlag durchkreuzt die FDP die ganze Strategie. Sie argumentiert wie Strauß damals, der oft genug davon schwadronierte, man müsse aus dem Schatten der Geschichte heraustreten. "Schuld" und "Verantwortung" waren für ihn gleichwohl keine Fremdworte, so weit blieb er im Rahmen des Konsenses. Radikal instrumentell gehen erst Möllemann und Westerwelle mit der Vergangenheit um. Sie betreiben die offizielle politische Approbation der Geisteshaltung von Ernst Nolte, die zum Historikerstreit über die Relativierung der Vergangenheit führte, sowie der Parolen Martin Walsers von der "Moralkeule" Auschwitz.

Die jungdeutschen Liberalen warnt Stoiber davor, den "Grundkonsens" infrage zu stellen, der bisher die Politik der Bundesrepublik geprägt hat. Die FDP wird das Außenministerium verlangen, falls es zu einem Machtwechsel kommt.

Wenn der Kompetenzkandidat mit dieser FDP paktieren will, holt er sich die Pest an Bord.

Kern des Grundkonsenses, da hat Joschka Fischer Recht, bleibt: Unbefangen kann keiner sein, welchen Alters auch immer. Das Existenzrecht Israels sei für uns von "nicht hinterfragbarer Bedeutung". Und das "Sonderverhältnis" gründe auf der Geschichte, zu welcher der Holocaust gehört. Die Opferpose, weil man sich nicht frei äußern dürfe, wirkt daran gemessen geradezu lächerlich.