Ach, Fußball! Warum müssen wir uns dafür interessieren? Weil ab Freitag, 13.30 Uhr, wenn in Seoul das Eröffnungsspiel der 17. Weltmeisterschaft angepfiffen wird, Fußball für fünf Wochen den öffentlichen Diskurs bestimmen wird. Weil Millionen Männer und Frauen morgens nicht das Bruttosozialprodukt erhöhen, sondern die Spiele der deutschen Mannschaft ansehen werden. Weil sie alle das Spiel für wichtig halten. Weil dem Taxifahrer in der indischen Provinz zum Fahrgast aus Deutschland nicht nur "Hitler!" einfällt, sondern auch "Oliver Kahn!". Weil nur hier die Afrikaner als Mitspieler beim Weltgeschehen wirklich ernst genommen werden. Weil die Ergebnisse des Turniers das Selbstverständnis ganzer Nationen nachhaltiger beeinflussen als Spendenskandale, Kanzlerkandidaten oder Wirtschaftsdaten. Kurzum: Weil, wie es der Liverpooler Trainer Bill Shankley einmal gesagt hat, "Fußball nicht ein Spiel auf Leben und Tod ist. Es ist viel mehr als das."

Fußball ist das einzige Spiel, das überall auf der Welt populär ist. Sein Erfolgsgeheimnis: Es ist einfach und voraussetzungslos. Man braucht einen Ball, sonst nichts. Und wem Shankley zu befangen erscheint, der kann es ja mit Friedrich Schiller halten: "Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt."

Das heißt eben auch: Wer wissen will, wie und was der Mensch ist, muss sehen, wie und was er spielt. Fußball spiegelt die Sehnsüchte nach Aufstieg, Erfolg, Eleganz, dazu nationale Mentalitäten und gesellschaftliche Prozesse.

Deshalb ist das Abschneiden deutscher Mannschaften bei der WM immer schon symbolisch gelesen worden. Der Titelgewinn von 1954, das "Wunder von Bern", wurde nach der Katastrophe des "Dritten Reiches" übersetzt als "wir sind wieder wer". Der Sieg 1974, der Triumph einer mündigen Mannschaft, die sich im Zweifel über die Autorität des Trainers hinwegsetzte, spiegelte die Umbrüche nach 1968. Und 1990 gewann Deutschland mit der Trophäe auch seine Einheit zurück.

Und heute? Nie ist eine deutsche Mannschaft mit geringeren Hoffnungen zum wichtigsten Turnier der Welt aufgebrochen. Wie im richtigen Leben, in all den Rankings in Wirtschaftswachstum, Reformfähigkeit, Innovationsfreude, Schlagersingen, so ist Deutschland auch im Fußball von der Weltspitze weit entfernt. Dieser Abstieg lässt sich ebenfalls sinnbildlich lesen: Nicht nur, dass es hierzulande keine guten Stürmer mehr gibt, die risikofreudig, zielstrebig, technisch perfekt sind. Nein, sogar die Verteidiger made in Germany, jahrzehntelang ein internationales Qualitätsprodukt, sind Auslaufmodelle, unflexibel, überfordert von einer Entwicklung, die von ihnen nicht nur Destruktion des gegnerischen Spiels verlangt, sondern Fantasie für die eigene Vorwärtsbewegung.

Zu lange hat man beim DFB und in den Vereinen an alten Strukturen festgehalten. Der Posten des Nationaltrainers wurde jahrzehntelang wie im Beamtenapparat nach dem Senioritätsprinzip vergeben: als Belohnung für treue Mitarbeiter. Der erste Änderungsversuch endete mit Christoph Daum und seinem Drogenproblem im Chaos. Der jetzige "Teamchef" Rudi Völler ist die klassische Problemlösung der Ära Schröder: Sie ist vor allem publikumswirksam. Der DFB hat vom Kanzler gelernt, wie man das (Fußball-)Volk regiert - mit Bild und Glotze. "Rudi Riese" (Bild) wird's schon richten. Ob der ungelernte Trainer der ersten Mannschaft eines Landes, das gerade in Sachen Taktik, neuer Spielsysteme, Flexibilität auf dem und jenseits des Platzes hinterherhinkt, Beine machen kann? Lange hat sich das Spiel in Deutschland, ebenfalls symbolträchtig, von internationalen Entwicklungen abgeschottet. Auf dem globalisierten Spielermarkt bedient man sich zwar nach Kräften, bei den Trainern aber denkt man national. Ausländische Vorturner und ihre andere Sicht der Dinge haben es in Sepp-Herberger-Country schwer. Dabei sind Weitsicht und Offenheit wichtiger denn je, weil moderner Fußball mehr bedeutet als Flanke - Tor. Er ist eine Hochgeschwindigkeitsdisziplin, in der die Spieler komplizierte Jobs haben. Unter großem Druck müssen sie innerhalb von Sekundenbruchteilen richtungsweisende Entscheidungen treffen. Je besser ihr Coach die Arbeitsplätze miteinander vernetzt hat, umso erfolgreicher wird jeder Einzelne sein. Deutschland übt da noch.

Und für noch etwas steht die deutsche WM-Mannschaft 2002: für eine Nüchternheit, die manchmal nur Bequemlichkeit ist. Der Verteidiger Jörg Heinrich verzichtet freiwillig auf eine Teilnahme, weil er sich nicht in Form fühlt - und offenbar keine Lust hat, sie sich trainierend zu erarbeiten.