Nach einer Schlägerei zwischen Bauern und Flussfischern, bei der ein Mann ums Leben kam, hatte die Polizei den jungen Reisbauern Tu Bazi aus dem südchinesischen Dorf Ganjing als einzigen Verdächtigen festgenommen. Es dauerte nicht lang und Tu wurde des Mordes angeklagt und vom Volksgericht zur Exekution per Genickschuss verurteilt. Tu hatte sich aufgegeben. "Vor dem Richter", sagt er, "fühlte ich mich wie tot. Erfolgreiche Berufungen hatte es bei uns ja nie gegeben."

Heute sitzt Reisbauer Tu auf einem Bambusstuhl vor seiner Ziegelhütte und kaut Zuckerrohr. Großzügig bietet er Schätze aus seiner Hütte an: gebackene Süßkartoffeln, in Zeitungspapier gewickelt, Feigen im Plastikeimer, dazu grünen Tee und selbst gebrannten Reisschnaps aus Konservengläsern. Die ländliche Gastfreundschaft gilt einem hoch gewachsenen Mann im schwarzen Stadtanzug, der ständig mit dem Handy telefoniert und es auch beim Schnaps nicht schafft, seine Aktentasche abzulegen: Rechtsanwalt Li Yunlong aus der Provinzhauptstadt Nanchang. Li hat Tu das Leben gerettet. Mit langen Recherchen auf eigene Faust erkämpfte der in ganz China bekannte Strafverteidiger die Rücknahme von Tus Todesurteil.

"Ohne den Professor wäre mein Sohn tot." Tus Vater wird nicht müde, den Einsatz des Anwalts zu preisen. Der Alte, der sein Leben lang Mao-Anzug und Reisstrohhut nicht ablegte, bot Li einen Sack Kartoffeln für die Verteidigung seines Sohnes. Der Anwalt willigte ein, fuhr aufs Dorf, interviewte die Beteiligten, erforschte die Streitursache und wies durch Zeugenaussagen nach, dass der schon zum Tod Verurteilte nicht einmal an der Schlägerei beteiligt war. Li wandte viel Zeit für den Fall auf. Leicht beeinflussbare Landrichter ohne juristische Ausbildung hatten das Todesurteil gegen Tu schlampig begründet, bei der Revision vor dem Obersten Provinzgericht gab es Anwalt Li der Lächerlichkeit preis. "Heute glauben wir an Gerechtigkeit", sagen Vater und Sohn. Der Reisbauer Tu Bazi verdankt sein Leben einer für China bislang unbekannten öffentlichen Auseinandersetzung über die Todesstrafe.

Von der Xia-Dynastie vor 4000 Jahren, in der man bereits 200 Verbrechen auflisten ließ, die der Kaiser mit dem Tod bestrafte, bis zu den kommunistischen Herrschern stellte kein hochrangiger Politiker die Höchststrafe je infrage. Erst Chinas Öffnung zum Westen seit Anfang der neunziger Jahre und die damit einhergehenden Reformen im Rechtssystem ermöglichen Gegnern der Todesstrafe inzwischen Einfluss auszuüben und in das Geschehen einzugreifen. Seit 1996 gibt es ein Rechtsanwaltsgesetz, seit 1997 ein Strafgesetzbuch, das den Grundsatz der Unschuldsvermutung des Angeklagten festschreibt. Das nutzt ein Vorkämpfer wie Li, der den Beruf in den Dienst seiner Überzeugung stellt. "Man darf beim Gehen keine Ameise zertreten. Diese Haltung meiner Vorfahren hat mich geprägt", sagt Li und begründet damit seine Haltung zur Todesstrafe auf traditionell konfuzianische Art. Genauso wichtig sind ihm aber auch Argumente aus der Tradition der westlichen Aufklärung: "Der Staat verbietet zu töten und erlaubt es sich selbst. Das ist absurd und verletzt das höchste Menschenrecht, das Recht auf Leben."

Noch vertritt Li damit eine krasse Minderheitenposition. Nach Umfragen der Pekinger Sozialakademie befürworten über 95 Prozent aller Chinesen die Höchststrafe. Derzeit droht sogar mehr Menschen denn je in der Geschichte der Volksrepublik ein gerichtliches Todesurteil. Grund dafür ist die neue Antiverbrechenskampagne der Kommunistischen Partei, mit der eine regelrechte Hinrichtungswelle über das Land rollt. Über 4000 Angeklagte erhielten dem neuen Jahresbericht von amnesty international zufolge, der Anfang dieser Woche erschien, im vorigen Jahr die Höchststrafe. In diesen Jahr droht sie weit über 10 000 Menschen. Die Hälfte der Verurteilten erwartet in der Regel die sofortige Exekution.

Die Todesstrafe trifft meist die Ärmsten: Die Bauern

Demnach sind im letzten Jahr in China mindestens fünfmal so viele Menschen hingerichtet worden wie in allen anderen Ländern der Welt zusammen - Tendenz steigend. Auch im Verhältnis zur Bevölkerungszahl weist die Volksrepublik seit Beginn der Kampagne weltweit die höchste Zahl von Exekutionen auf. Im Jahr 2000 lag sie noch hinter Texas.