Am vergangenen Sonntag diskutierte der neue VW-Chef Bernd Pischetsrieder mit den ZEIT-Chefredakteuren Josef Joffe und Michael Naumann in den Hamburger Kammerspielen.

... über Volkswagen im schwierigen Automarkt 2002: "Ein Unternehmen ist immer daran zu messen, wie es mit schlechten Zeiten fertig wird. Deswegen habe ich mich auch zu der Aussage bekannt, dass das Ergebnis des Jahres 2001 auch 2002 wiederholt werden soll. Das kann uns natürlich nur gelingen, wenn alle Menschen im Unternehmen dieses Ziel konsequent verfolgen."

... über Qualitätsprobleme bei VW: "Wir hatten 1998 zwei oder drei große Probleme, die alle Fahrzeuge betroffen haben. Technisch sind diese Probleme längst behoben, aber sie ärgern den Kunden zum Teil immer noch."

... über den Vorstoß in die Oberklasse und den neuen Luxuswagen Phaeton: "Der Phaeton kommt, denke ich, in ein richtiges Segment. Es geht dabei nicht um Stückzahlen, sondern darum, die Marke Volkswagen zu positionieren."

... über das Auto als Luxusgut: "Menschen wollen ohne rationale Begründung bestimmte Kleidung, Autos, was auch immer. Luxus ist etwas, was Menschen um ihrer selbst willen wollen, was aber nicht unbedingt notwendig ist. Vor 15 Jahren war die Zentralverriegelung im Auto Luxus, heute ist sie in jedem Kleinwagen zu finden. Man gewöhnt sich nämlich auch daran, dass etwas angenehmer sein kann. Was heute Luxus ist, ist morgen der normale Standard."

... über den Korporatismus in Deutschland: "Wir haben diese festgefahrenen Zeremonien Anfang des Jahres bei VW im Zusammenhang mit dem Modell 5000 mal 5000 alle erlebt. VW hatte zugesagt, in Wolfsburg und Hannover zusammen 5000 neue Arbeitsplätze einzurichten, mit einer Einheitsbezahlung von 5000 Mark, wobei bevorzugt Arbeitslose eingestellt werden sollten. Die Bedingung war, dass es nicht mehr den Stundenlohn gibt, nicht mehr die Bezahlung nach VW-Haustarif, sondern ein monatliches Einkommen, dem ein bestimmtes Programm gegenübergestellt wird, das die Mitarbeiter erfüllen müssen. Wenn dann zum Beispiel am Band ein Fehler passiert, muss dieser Fehler korrigiert werden, und wenn es länger dauert, bis die vorgegebene Stückzahl an Fahrzeugen gebaut ist, dauert es eben länger. Dieser Vorschlag musste gemeinsam mit der Politik gegen die IG Metall durchgesetzt werden. Es war kein Klassenkampf, sondern ein Interessenvertretungskampf, in dem wir letztlich einen Kompromiss gefunden haben, der allen Bedürfnissen gerecht wird. Klar wurde dabei allerdings, dass sich die Interessensunterschiede zwischen einer Organisation wie einer Belegschaft und einer Organisation wie einer politischen Partei oder auch einer Regierung, zwischen der Belegschaft eines Unternehmens und der Leitung eines Unternehmens verschieben. Es gibt nicht mehr die traditionellen Fronten mit SPD, Gewerkschaften und Betriebsräten auf der einen und Kapitalisten samt Anhang und konservativen Parteien auf der anderen Seite."

... über Individualisierung und neue Koalitionen: "Die Frontlinie ... ist keine gerade Linie mehr, sondern eine Zickzacklinie, die sich durch alle gesellschaftlichen Gruppen zieht. Auch da findet immer mehr Fragmentierung statt. Einzelne Personen, unabhängig davon, dass sie zu bestimmten Organisationen gehören und sich dazu auch bekennen, vertreten Positionen, die innerhalb ihrer Organisationen Minderheits- oder Extrempositionen sind."