Seit einigen Jahren schon gibt es eine Renaissance des Synagogenbaus in Deutschland. Erst im letzten Herbst wurde das Dresdner Gotteshaus eingeweiht, am vergangenen Freitag nun konnte die Jüdische Gemeinde in Chemnitz den Schlüssel zu ihrer Synagoge aus den Händen des Frankfurter Architekten Alfred Jacoby in Empfang nehmen. Der Zentralratsvorsitzende Paul Spiegel machte sichtlich erleichtert von der momentan allzu seltenen Gelegenheit Gebrauch, die jüngste Entwicklung des Judentums in Deutschland zu feiern. "Wer ein Haus baut", so Spiegel, "der will bleiben."

Für die Chemnitzer Gemeinde, sagte der Vorsteher Siegmund Rotstein in seiner anrührenden Rede, gleiche die Geschichte der letzten Jahre einem Wunder.

Nicht zuletzt ihm, einem Überlebenden des KZs Theresienstadt, ist es zu verdanken, dass das Judentum in Chemnitz nicht untergegangen ist. Wenige Tage vor seiner geplanten Bar-Mizwa, der Einführung in die jüdische Glaubensgemeinschaft, stand er im November 1938 vor den rauchenden Trümmern der alten Synagoge - ein Mentekel des kommenden Unheils. Von den über 3000 Mitgliedern der Gemeinde vor 1933 kehrten 57 nach dem Krieg nach Chemnitz zurück. 1989 stand man mit nur mehr 11 Mitgliedern vor dem Aus. Dann jedoch, nach der Wiedervereinigung, nahm die Gemeinde durch Zustrom jüdischer Auswanderer aus der GUS einen ungeheuren Aufschwung, der bis heute anhält: Im September vergangenen Jahres zählte sie noch um 300 Mitglieder, jetzt sind es schon 550. Niemand leugnet die Belastung für die kleine Gemeinde. Aber unverkennbar beherrscht ein Geist religiöser und kultureller Wiedergeburt die Szene in Chemnitz. Man spürt den Bildungseifer der Neuen und den berechtigten Stolz der Eingesessenen auf die praktizierte Solidarität in der Gemeinde.

Für all dies gibt es jetzt ein neue Behausung, und es ist eine gute Nachricht, dass dieses Haus seinen Charakter nicht versteckt. In den langen Jahren der Duldung, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß, war die Überlebensstrategie: Nur ja nicht auffallen. Das Gemeindehaus tat so, als sei es irgendein Wohngebäude - überall in der DDR wandten sich die jüdischen Gemeinden nach innen. Die Neue Synagoge Chemnitz macht nun endgültig Schluss mit solchem aufgezwungenen Rückzug.

Alfred Jacobys aufsehenerregender Bau demonstriert ein neues Selbstbewusstsein. Die Synagoge in Form einer sich nach oben erweiternden Ellipse erinnert an die Zierkronen, mit denen die Thora-Rollen geschmückt werden: jüdische Glaubenssymbolik mithin, zum Glück aber nicht die gerne klischierte von Davidstern und Menora. Jacobys Bau hat einen wunderbar intimen Sakralraum zum Zentrum, der sich dank eines monumentalen Fensters von acht Meter Höhe zur Stadt hin öffnet. Wer den ovalen, dezent möblierten, mit Zedernholz verkleideten Synagogenraum betritt, wird sofort verstehen, was der Architekt meint, wenn er sich auf Ernst Blochs Definition der Architektur als "Produktionsversuch menschlicher Heimat" beruft. Es ist dem Architekten durch sehr subtile Mittel gelungen, dabei jede falsche Harmonisierung ebenso zu vermeiden wie die spektakulären neoexpressionistischen Gesten der Zerrissenheit: Das Allerheiligste, den Schrein mit den Thora-Rollen, hat er aus der Mittelachse des Baus genommen und leicht an die Seite versetzt. Ihr entspricht das große Fenster, durch das Licht von der Straße her einfällt.

Zwischen dem Blick hinaus in die Welt und dem Heiligen Buch bleibt die Mitte leer. "Möge jeder", so Jacobys Credo, "selbst die Mitte für sich suchen."

In den beiden doppelgeschossigen Bauten, die den Sakralraum einfassen, findet Produktion von Heimat in einem ganz profanen Sinn statt: Hier sind die Sozialdienste, der Gemeindefestsaal und die Bibliothek untergebracht. In diesen hellen Räumen wird nun die Chemnitzer Gemeinde die doppelte Integration jener Neumitglieder vorantreiben, die zugleich lernen müssen, was es heißt, ein Deutscher, und was es heißt, ein Jude zu sein. Dass es eine wachsende Zahl von Menschen hierzulande gibt, für die es nichts weniger als Rettung und Wiedergeburt bedeutet, ein deutscher Jude zu werden - das ist die wahrhaft wundersame Botschaft der Neuen Synagoge Chemnitz.