Seit 1000 Jahren gilt der Bruch mit den Eltern als Inbegriff der Emanzipation. Ein eigener Hausstand, Macht über das autonome Selbst und neue Lebensformen sind der Kern aller Ideen, die unsere westliche Kulturgeschichte als modern bezeichnet hat. Inzwischen ist vielleicht das Ende des Modells erreicht. Die neue Generation liberal verhätschelter Einzelkinder hat die Absetzbewegung nicht mehr nötig. Oder schafft sie sie nicht?

Der Familienkrach neuen Typs, befand Etienne Chatiliez, der seit Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss und Das Glück liegt in der Wiese ein sarkastischer Kommentator französischer Lebensweisen ist, bietet Stoff für eine giftige Zeitgeistkomödie. Erzählt wird aus der Perspektive eines Elternpaares, das beim Versuch, den Sohn nach 28 Jahren loszuwerden, auf Phlegma und unangreifbare Sanftmut stößt. Sabine Azéma und André Dussollier steigern sich genießerisch outriert in die wachsende Heimtücke von Mutter und Vater gegen ihren Sprössling hinein. Während dessen Doktorarbeit zwingen sie sich noch zu höflichen morgendlichen Küchenritualen auch gegenüber den wechselnden Freundinnen ihres Sohnes. Dann aber deponieren sie Stinkfische in Tanguys Zimmer, lockern Schrauben am Bodenbelag, damit er sich verletzt, stören mit Lärm und bauen seine Einrichtung zu einem putzigen Kinderzimmer zurück. Ihrerseits noch als Mittfünfziger gegen die Großmama in der Defensive, eskalieren die Eltern den Ablösungskampf gegen den Sohn schließlich zum totalen Familienkrieg.

Im Tonfall knüpft Chatiliez unverblümt an die grausamen Attacken und panischen Grimassen eines Louis de Funès an, um die Katastrophengefühle dieser Pariser Wohlstandsmenschen aufs Korn zu nehmen. In der Darstellung des Sprösslings aber scheinen die infantilen Neurosen durch, die jeder von elternfixierten Einzelkindern kennt: Tanguy ist ein schmächtiger junger Mann mit Intellektuellenbrille und Stupsnase, in Kurzzeitaffären und hinhaltende Lügen gegenüber der Freundin verstrickt. Beim Versuch, sich dem Rauswurf zu fügen, bekommt er in der ersten Nacht unterm eigenen Dach Atemnot. Später verblüfft er die Familie mit einem psychiatrischen Gutachten, das ihm die elterliche Versorgung durch Gerichtsbescheide garantieren soll, obwohl er längst ausreichend Geld verdient.

Ein bisschen Kulturkritik gibt es auch. Als studierter Sinologe ist Tanguy "Chinese", ein Fremdling im eigenen Elternhaus, die Komödienversion des konfuzianischen Lebenskünstlers. China, das Land der Einzelkinder, in dem Familien noch mit mehreren Generationen zusammenleben, ist die utopische Schlusspointe des kultivierten Besserwissers. Auch wenn Chatiliez seine Diagnose in ein sanft ironisches Gegenbild, einen touristischen Ausflug in die unübersichtliche Moderne der heutigen Volksrepublik, auflöst - sein Film ist ein nettes Plädoyer dafür, den Nachwuchs notfalls mit einem pädagogischen Fußtritt vor die Tür zu setzen.