Eigentlich wollte Guido Westerwelle seine erste Auslandsreise als FDP-Chef "ganz bewusst" nach Israel unternehmen, um die Verbundenheit seiner Partei mit dem jüdischen Staat zu unterstreichen. Doch dann kam es fast einem Affront gleich, als Ministerpräsident Ariel Scharon unmittelbar vor seinem Gespräch mit Westerwelle die Presse plötzlich aufforderte, im Saale zu bleiben. Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln kam er zur Sache: "Wir machen uns große Sorgen, wenn wir sehen, dass der Antisemitismus in Deutschland ansteigt. Auch die Dinge, die gegen die jüdische Gemeinde in Deutschland ausgesprochen werden, beunruhigen uns sehr." Wie bittere Ironie klangen in diesem Moment Scharons Worte, er sei überzeugt, sein Gast werde sich in seinem Land sehr wohl fühlen. Dass sich Westerwelle in dieser Situation alles andere als wohl fühlte, war ihm anzumerken.

Westerwelles Israel-Reise im Mai 2002 ist ganz von der Frage überschattet, ob sich die deutschen Liberalen im 18-Prozent-Rausch auch antisemitischer Ressentiments bedienen würden, um im Herbst volltönend an die Macht zurückzukehren. Zumindest Westerwelles Stellvertreter Jürgen Möllemann schürt diesen Verdacht mit fortgesetzten Äußerungen. Westerwelle selbst setzt politisch korrekte Parteibeschlüsse durch, die sein Vize dann umgehend wieder relativiert. Solange Möllemann das darf - unter den Augen seines Vorsitzenden -, hat dieser zu Recht ein Problem. Das hätte Westerwelle in Israel, wie er in seinem ersten Statement in Tel Aviv fast rührend beteuerte, gerne "ausgeklammert". Die Einschätzung, dass die jüdische Diaspora sehr viel empfindlicher auf Kritik an Israel reagiere als die Israelis selbst, mag ihn zu der Annahme verleitet haben, das Thema Antisemitismus in der FDP sei wirklich nur ein deutsche innenpolitische Nebensache. Und die hochrangigen Termine, die der FDP-Chef in Israel erhielt, schienen diese Ansicht zu stützen.

Doch nicht nur bei Scharon lief alles anders als gedacht. Kurz nach der Bloßstellung beim Premier wurde bekannt, dass der Vorsitzende der Meerhetz-Partei - die linksliberale Schwesterpartei der deutschen Grünen - seinen Termin mit Westerwelle wegen "nationalistischer und antisemitischer Tendenzen in der FDP" abgesagt hatte. eis