Der nächste Berg ist mehr als 100 Kilometer entfernt, trotzdem sind Kletterkünste wichtig für die Mitarbeiter von Richard Kille. Der Ingenieur leitet die Kranwartung bei den Bremer Stahlwerken. 900 Kräne sind auf dem Werkgelände verteilt, darunter 130 Kolosse, die bis zu 460 Tonnen flüssiges Metall an den Haken nehmen können. Kille und seine 85 Mitarbeiter sorgen dafür, dass keiner dieser Kräne ausfällt. "Jeder Kran besteht aus über 100 verschiedenen Teilen", sagt Richard Kille, "jedes einzelne muss der Wartungstechniker im Auge behalten." Da es im Stahlwerk mehrere Dutzend Krantypen gibt, benötigen die Techniker dicke Handbücher, die jedes Detail und jede Wartung genau beschreiben. Doch dort, wo sie die Informationen am dringendsten brauchen, sind sie nie zur Hand.

Denn Kranklettern erfordert beide Hände, mehr als Papier und Bleistift ist nicht dabei. Deshalb lesen die Techniker oft erst im Büro nach, ob etwa die auf dem Kran gemessene Temperatur eines Lagers normal ist oder Anlass zur Reparatur.

Mit solchen Problemen kämpfen Wartungstechniker fast überall. Die Geräte werden immer komplizierter und die Produktzyklen immer kürzer. Erfahrung allein hilft da oft nicht mehr weiter. Doch während der Service-Mann für Haushaltsgeräte das entsprechende Handbuch nur aus dem Kofferraum holen muss, ist vielen Industrietechnikern ein direkter Blick ins Handbuch gar nicht möglich - weil der Arbeitsplatz zu eng ist, Entscheidungen schnell zu treffen sind oder beide Hände zum Festhalten gebraucht werden.

Dann hilft nur ein tolles Gedächtnis - oder aber augmented reality. Dieser Begriff umfasst alles, was die menschlichen Sinne elektronisch erweitert, insbesondere Datenbrillen. Diese registrieren, was ihr Träger sieht, und bieten ihm dazu weitere Informationen an. Schaut zum Beispiel der Krantechniker auf einen Elektromotor, blendet ihm die Brille den letzten Wartungsbericht ein und markiert jene Schraube rot, die er lösen muss, um das Lager zu schmieren.

Das klingt einfach, ist aber in der Praxis so kompliziert, dass es augmented reality bis heute nur in Forschungsprojekten gibt. Das weltweit größte heißt Arvika, wird vom Bundesforschungsministerium gefördert und vereinigt unter der Regie des Fraunhofer-Instituts die Creme der deutschen Industrie - von DaimlerChrysler über Airbus, Siemens und VW bis hin zu mehreren mittelständischen Werkzeugmaschinenherstellern. Im Herbst soll augmented reality nach drei Projektjahren erstmals in einer echten Fabrikhalle erprobt werden. Allerdings "in freundlicher Umgebung", wie der Siemens-Ingenieur Wolfgang Friedrich betont. Bis zum harten Einsatz in normaler Industrieproduktion werde es noch einige Jahre dauern.

Mit dem Laser auf die Netzhaut

Während die nötige Software für die Bilderkennung und Verarbeitung schon weitgehend fertig gestellt ist, hapert es vor allem noch an brauchbaren Datenbrillen. Zwar sind verschiedene Systeme im Angebot, aber bei Tageslicht liefern Brillen, die mit halb durchlässigen Bildschirmen oder Spiegeln arbeiten, bisher noch keine zufrieden stellenden Ergebnisse. Praxistauglich ist nur eine Brille, die Bilder direkt auf die Netzhaut ihres Trägers lasert.