An der Schnittstelle von Industriezeitalter und Dienstleistungsgesellschaft fliegen Golfbälle. Jenseits des Hafenbeckens am Wolfsburger Mittellandkanal steht das alte backsteinerne Kraftwerk der Volkswagenfabrik - als historische Kulisse. Diesseits gewährt die Vollglasfront des Restaurants Vision im Luxushotel Ritz-Carlton eine Fünf-Sterne-Aussicht auf das Treiben zu Wasser.

Pausenlos schlagen Hobbygolfer von einem Ponton ihre Bälle 50, 100 Meter weit ins stillgelegte Hafenbecken.

Nachts sammeln Helfer die schwimmenden Spezialbälle wieder ein. Willkommen am Dienstleistungsstandort Deutschland.

Die schwimmende Driving Range neben der VW-Fabrik ist eine der Attraktionen in der Wolfsburger "Autostadt". In seinem Erlebnispark präsentiert der Volkswagenkonzern die hauseigenen Fahrzeugmarken in Pavillons. Im ZeitHaus blicken die Besucher durchs Autofenster auf bundesdeutsche Geschichte. Im KundenCenter befreien Hilfskräfte den Lack übergabefertiger Golfs und Passats von den letzten Staubpartikeln. Es gibt Shops und Restaurants und vor allem: Service, Service, Service. Rund 600 auf Dauerlächeln gedrillte Bedienstete sollen den Besuchern jeden Wunsch von den Augen ablesen. "Die Autostadt", sagt die Pressesprecherin, "ist ein Center of Excellence, in dem VW seine Kompetenz als Dienstleister unter Beweis stellt."

So unwirklich das klingt - kaum woanders wird Deutschlands Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft so sinnfällig wie hier. Denn es sind ausgerechnet die klassischen Unternehmen der Industrie, die diesen Wandel vorantreiben.

Natürlich kennt jeder die Klage, Deutschland sei keine Servicegesellschaft.

Wer hat im Kaufhaus nicht schon einmal entnervt aufgegeben, einen Verkäufer aus seinem Versteck zu treiben? Welcher Bahnfahrer kennt keine Anekdoten über übellaunige Schaffner? Und kaum ein Anrufer, den ein Mitarbeiter eines Call-Centers nach einem gehauchten "Was kann ich für Sie tun?" nicht durch Inkompetenz an den Rand des Wahnsinns getrieben hätte.