Hurra, die Toten reiten schnell

Der Australier Peter Carey erzählt eine irische Heldenlegende aus dem Outback

Ein echter Ire ist nicht totzukriegen. Wenn Sie das einmal testen wollen, dann machen Sie es wie Christy Mahon mit seinem Vater und hauen ihm einen Spaten über den Schädel. Rappelt er sich wieder hoch, dann muss er Ire sein - mit einem Dickschädel, einem Löwenherzen, einer beinharten Überlebenswut.

Aber treiben Sie es nicht zu weit: Christy Mahons Vater überlebte zwar sogar eine zweite Spatenattacke, doch er war schließlich bloß eine literarische Figur. Sein Erfinder allerdings, der Dramatiker John Millington Synge, hatte die Wirklichkeit so gut getroffen, dass die Uraufführung seiner Tragikomödie The Playboy of the Western World, 1907 in Dublin, mit Polizeigewalt durchgesetzt werden musste. In vorderster Front stand damals der Theaterdirektor und Dichter William Butler Yeats, unschwer als waschechter Ire zu erkennen, wie er das Werk seines Landsmannes Synge gegen die irischen Nationalisten verteidigte.

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Die Vaterlandsliebe von Yeats und Synge, die in der Irish Renaissance zusammenfanden, war nämlich großherziger als der Patriotismus der Gaelic League, denn die Schriftsteller gaben zu, dass ihr Abgott fehlbar war: das geliebte Land kein Himmelreich und der Ire auch bloß ein Mensch. Einer wie Ned Kelly beispielsweise. Seine Eltern kamen nach Australien, als der Kontinent noch britische Strafkolonie war und die Polizei einen freien irischen Australier lediglich als freigekommenen Gefangenen betrachtete, der schleunigst wieder hinter Gitter muss.

Die Tapferen sterben jung

Ned Kelly wird 1855 in einer zugigen Hütte geboren, wo die Furcht durch die Ritzen pfeift und der Hunger mit am Tisch sitzt, im Sommer ist Staub, im Winter Schlamm, nur an Demütigungen herrscht nie Mangel. Allerdings gibt es da noch den irischen Stolz und seine logische Folge, den Aufruhr. Ned Kelly bekommt so oft eins übergebraten, bis er zurückschlägt, und wer sich einmal wehrt, muss immer weiterkämpfen, das wissen wir von den Glorreichen Sieben, die es im Wilden Westen mit 40 Räubern aufnahmen und nicht aufgaben, bis sie das Böse besiegt hatten. Leider waren die tapferen sieben am Ende nur noch klägliche drei

doch selbst diese Bilanz ist genauso utopisch wie das Drama von Christy Mahon, der sich mit einem Spaten den Weg ins Freie bahnt. In Wirklichkeit kann ein gerechter Rebell niemals gewinnen. Vielleicht erringt er einige Siege, aber am Ende ist er trotzdem tot. Das lehrt die Geschichte.

Das ist das Grundgesetz der negativen Anthropologie. Deshalb musste Ned Kelly mit 26 Jahren sterben, Only the brave die young, das Leben jenseits der Literatur kennt keine Gnade.

Ned Kelly ist eine legendäre, aber authentische Gestalt. Wer Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang erzählen will, muss sich also nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit richten. Peter Carey hat das getan. Der australische Schriftsteller durchforstete nicht nur Archive, schlachtete einen 58 Seiten langen Anklagebrief aus, den der historische Ned Kelly an seine Obrigkeit geschrieben hatte, und bereiste die Originalschauplätze zwischen Victoria und New South Wales, sondern treibt mit der Strenge des Chronisten seinem Leser von Anfang an die Hoffnung auf ein Happy End aus.

Bevor wir den Helden überhaupt kennen lernen, müssen wir ihn sterben sehen.

Ein gepanzertes Monster betritt die leere Bühne des Romans, das ist Ned Kelly in einer Rüstung aus Pflugblechen, ein eiserner Ritter, der auszog, die Unterdrücker das Fürchten zu lehren. Sie schießen auf ihn aus hundert Gewehren, verwunden ihn aber nicht. Bis ihm ein kleiner Mann im Tweedhut, eine plumpe Kröte von Polizist, in die Beine schießt. Der Drache steht trotzdem noch aufrecht, zerschmetterte Knochen, Blut in den Stiefeln, dann stürzt er, sie trampeln ihn halb tot, doch sein letzter Gedanke ist stahlhart: "Ein Kelly würde nie wegrennen." Ein Ire hält stand. So will es Peter Carey: dass wir den großen Einzelnen sehen, aber auch das schlimme Ganze, dass wir an die Macht des Gerechten glauben und gleichzeitig seine Ohnmacht erkennen. Die reicht von Robin Hood bis zu Michael Kohlhaas, vom Schinderhannes zu Schillers Räubern, von Winnetou bis zurück zur griechischen Tragödie: "Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch."

Peter Carey hat die Figur des Desperados ins Mythische gesteigert, aber das schwere Pathos mit einem Trick abgefedert. Nur im Erzählrahmen, je einem Bericht aus der Melbourne Library und einer Bibliothek in Sydney, bekommt Ned Kelly eine metaphysische Aura, wird er zum Menschen in der Revolte, Stellvertreter des Guten, dessen Martyrium kein persönliches Leid mehr ist, sondern das Leid aller Zeiten, und dessen Zorn keinem persönlichen Rachegefühl entspringt, sondern der Empörung des Sozialrevolutionärs. Die restlichen 420 Seiten dazwischen sind ein Geniestreich der Erzähltechnik. Ned Kelly selbst beschreibt in 13 Kapiteln - die eigentlich 13 Packen Papier sind, teilweise ungebunden, teilweise verschmutzt - sein Leben zwischen dem 12. und 26. Lebensjahr. Zwar ist das angeblich aufgefundene Manuskript ein uraltes Rechtfertigungsmuster

die doppelte Fiktion täuscht Authentizität vor. Doch Peter Carey dichtet sich unnachahmlich in Sprache und Denkweise eines Gesetzlosen hinein, der außer Herzensbildung nicht viel Erziehung erfährt. In der Schule des Lebens wird er umso mehr getriezt, tagtäglich bekommt er die Prinzipien der Diskriminierung eingebläut, die Spielarten der Bosheit, und langsam, fast wider Willen, erlernt er auch die Strategien der Renitenz. Erst widersetzt er sich den Verleumdern seines Vaters, dann straft er die Peiniger seiner Mutter, und schließlich kann er aus der Rolle des Outlaws nicht mehr heraus.

Wie der Junge zum Mann wird, der Gepeinigte zum Rächer, so wandelt sich auch seine Tonlage von der lakonischen Familiensaga zum zornigen Rapport, vom Wie-es-gewesen-ist zum Wie-es-nie-hätte-kommen-Dürfen. Sein Brief an die Tochter hat manchmal die Feierlichkeit des Vermächtnisses, dann wieder den Schwung des Abenteuers. Es wird geflucht, gelacht, gestritten, und Peter Carey gelingt eine volkstümlich raue Poesie ohne Schnörkel und Komma: "Ich war 12 Jahre und 3 Wochen alt die Hornhaut an meinen Füßen war 1 Zoll dick die Hände schwielig die Knie wund und verschorft aber hatte ich nicht trotzdem ein Herz?"

Neds Lebensgeschichte zu lesen ist kein Spaziergang, eher ein Gewaltritt.

Durch Regen und Zerrüttung, karg die Landschaft, derb die Sprache

wir galoppieren auf dem Boden der Tatsachen von Plage zu Plage, bis die Tragödie aus ist. Katharsis findet nicht statt, das Schöne ist schon immer mit dem Verhängnis verknüpft, nicht tragischerweise, sondern selbstverständlich. Die Sonne geht auf und unter und scheint auf nichts Neues, aber wir sehen es wie zum ersten Mal. Da wächst beispielswiese zwischen Stechginster auch Ned Kellys Treue zu den Menschen, die er liebt. Aus Notwehr wurde er zum Mörder, aus Ehrenhaftigkeit geht er vor die Hunde, aber wenn er von Liebe spricht, schlicht und ergreifend, macht ihm das so schnell keiner nach, man vergisst alle anderen Romane und Romanzen.

Es gilt das Alte Testament

Ein zartes Mädchen namens Mary ist der Spiegel für die empfindsame Seele des Haudegens: So ging es schon Robin Hood, aber bei Peter Carey fehlt das Zierliche und Gezierte der höfischen Sphäre, das Kulissenhafte von Wilhelm Hauffs Wirtshaus im Spessart, wo der Räuberhauptmann geläutert wurde. Ned Kelly lebt nicht im Märchen, sondern im Outback, dort wird niemandem vergeben, sondern es gilt das Alte Testament: Auge um Auge, Schuss um Schuss.

So entsteht ein archaischer existenzialistischer Roman, worin gesetzlos zu sein ("ausgesetzt" heißt das im 20. Jahrhundert) die gefährlichste Form der Freiheit ist. Sie kostet das Leben, aber einem Kelly - der getrieben wird vom Geist der Sons of Eirin, beseelt von keltischen Legenden und der die Namen der Vaterlandsverräter frühzeitig auszuspucken lernt - scheint das kein unbezahlbarer Preis.

Peter Carey kann seine Begeisterung für die gälische Tradition nicht mehr so leichtfertig an eine politische Parteinahme knüpfen wie die Dichter der Irish Renaissance, aber er schafft es, den übersteigerten Nationalstolz der Auswanderer aus ihrer Knechtschaft verständlich zu machen. Daheim wie in den Kolonien werden sie mundtot gemacht. Auch deshalb schreibt Ned Kelly seine Geschichte auf, er ringt um Redefreiheit, denn er weiß, wer das Wort hat, hat auch die Macht. Doch seine Gegner sorgen dafür, dass er vergeblich gegen die Deutungshoheit der britischen Herren anschreit, erst Peter Carey verhilft ihm zu seinem Recht. Darum ist Die wahre Geschichte von Ned Kelly ein mehrfacher Triumph der Literatur: über die Kolonialmacht und über die Rebellenfolklore.

Wer kein Ire ist, kann aus Ned Kellys langem Ritt zum Galgen trotzdem etwas lernen: Der Ire, metaphysisch und als Befreiungskämpfer betrachtet, ist nicht totzukriegen. Er kann allerdings von jedem stinkenden Spitzel verraten werden. Ein Held ist eben auch nur ein Mensch.

Peter Carey: Die wahre Geschichte von

Ned Kelly und seiner Gang

Roman

a. d. Engl. von Regina Rawlinson

und Angela Schumitz

S. Fischer Verlag,

Frankfurt a. Main 2002

448 S., 22,90 e

 
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