Ned Kelly ist eine legendäre, aber authentische Gestalt. Wer Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang erzählen will, muss sich also nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit richten. Peter Carey hat das getan. Der australische Schriftsteller durchforstete nicht nur Archive, schlachtete einen 58 Seiten langen Anklagebrief aus, den der historische Ned Kelly an seine Obrigkeit geschrieben hatte, und bereiste die Originalschauplätze zwischen Victoria und New South Wales, sondern treibt mit der Strenge des Chronisten seinem Leser von Anfang an die Hoffnung auf ein Happy End aus.

Bevor wir den Helden überhaupt kennen lernen, müssen wir ihn sterben sehen.

Ein gepanzertes Monster betritt die leere Bühne des Romans, das ist Ned Kelly in einer Rüstung aus Pflugblechen, ein eiserner Ritter, der auszog, die Unterdrücker das Fürchten zu lehren. Sie schießen auf ihn aus hundert Gewehren, verwunden ihn aber nicht. Bis ihm ein kleiner Mann im Tweedhut, eine plumpe Kröte von Polizist, in die Beine schießt. Der Drache steht trotzdem noch aufrecht, zerschmetterte Knochen, Blut in den Stiefeln, dann stürzt er, sie trampeln ihn halb tot, doch sein letzter Gedanke ist stahlhart: "Ein Kelly würde nie wegrennen." Ein Ire hält stand. So will es Peter Carey: dass wir den großen Einzelnen sehen, aber auch das schlimme Ganze, dass wir an die Macht des Gerechten glauben und gleichzeitig seine Ohnmacht erkennen. Die reicht von Robin Hood bis zu Michael Kohlhaas, vom Schinderhannes zu Schillers Räubern, von Winnetou bis zurück zur griechischen Tragödie: "Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch."

Peter Carey hat die Figur des Desperados ins Mythische gesteigert, aber das schwere Pathos mit einem Trick abgefedert. Nur im Erzählrahmen, je einem Bericht aus der Melbourne Library und einer Bibliothek in Sydney, bekommt Ned Kelly eine metaphysische Aura, wird er zum Menschen in der Revolte, Stellvertreter des Guten, dessen Martyrium kein persönliches Leid mehr ist, sondern das Leid aller Zeiten, und dessen Zorn keinem persönlichen Rachegefühl entspringt, sondern der Empörung des Sozialrevolutionärs. Die restlichen 420 Seiten dazwischen sind ein Geniestreich der Erzähltechnik. Ned Kelly selbst beschreibt in 13 Kapiteln - die eigentlich 13 Packen Papier sind, teilweise ungebunden, teilweise verschmutzt - sein Leben zwischen dem 12. und 26. Lebensjahr. Zwar ist das angeblich aufgefundene Manuskript ein uraltes Rechtfertigungsmuster

die doppelte Fiktion täuscht Authentizität vor. Doch Peter Carey dichtet sich unnachahmlich in Sprache und Denkweise eines Gesetzlosen hinein, der außer Herzensbildung nicht viel Erziehung erfährt. In der Schule des Lebens wird er umso mehr getriezt, tagtäglich bekommt er die Prinzipien der Diskriminierung eingebläut, die Spielarten der Bosheit, und langsam, fast wider Willen, erlernt er auch die Strategien der Renitenz. Erst widersetzt er sich den Verleumdern seines Vaters, dann straft er die Peiniger seiner Mutter, und schließlich kann er aus der Rolle des Outlaws nicht mehr heraus.

Wie der Junge zum Mann wird, der Gepeinigte zum Rächer, so wandelt sich auch seine Tonlage von der lakonischen Familiensaga zum zornigen Rapport, vom Wie-es-gewesen-ist zum Wie-es-nie-hätte-kommen-Dürfen. Sein Brief an die Tochter hat manchmal die Feierlichkeit des Vermächtnisses, dann wieder den Schwung des Abenteuers. Es wird geflucht, gelacht, gestritten, und Peter Carey gelingt eine volkstümlich raue Poesie ohne Schnörkel und Komma: "Ich war 12 Jahre und 3 Wochen alt die Hornhaut an meinen Füßen war 1 Zoll dick die Hände schwielig die Knie wund und verschorft aber hatte ich nicht trotzdem ein Herz?"

Neds Lebensgeschichte zu lesen ist kein Spaziergang, eher ein Gewaltritt.