Durch Regen und Zerrüttung, karg die Landschaft, derb die Sprache

wir galoppieren auf dem Boden der Tatsachen von Plage zu Plage, bis die Tragödie aus ist. Katharsis findet nicht statt, das Schöne ist schon immer mit dem Verhängnis verknüpft, nicht tragischerweise, sondern selbstverständlich. Die Sonne geht auf und unter und scheint auf nichts Neues, aber wir sehen es wie zum ersten Mal. Da wächst beispielswiese zwischen Stechginster auch Ned Kellys Treue zu den Menschen, die er liebt. Aus Notwehr wurde er zum Mörder, aus Ehrenhaftigkeit geht er vor die Hunde, aber wenn er von Liebe spricht, schlicht und ergreifend, macht ihm das so schnell keiner nach, man vergisst alle anderen Romane und Romanzen.

Es gilt das Alte Testament

Ein zartes Mädchen namens Mary ist der Spiegel für die empfindsame Seele des Haudegens: So ging es schon Robin Hood, aber bei Peter Carey fehlt das Zierliche und Gezierte der höfischen Sphäre, das Kulissenhafte von Wilhelm Hauffs Wirtshaus im Spessart, wo der Räuberhauptmann geläutert wurde. Ned Kelly lebt nicht im Märchen, sondern im Outback, dort wird niemandem vergeben, sondern es gilt das Alte Testament: Auge um Auge, Schuss um Schuss.

So entsteht ein archaischer existenzialistischer Roman, worin gesetzlos zu sein ("ausgesetzt" heißt das im 20. Jahrhundert) die gefährlichste Form der Freiheit ist. Sie kostet das Leben, aber einem Kelly - der getrieben wird vom Geist der Sons of Eirin, beseelt von keltischen Legenden und der die Namen der Vaterlandsverräter frühzeitig auszuspucken lernt - scheint das kein unbezahlbarer Preis.

Peter Carey kann seine Begeisterung für die gälische Tradition nicht mehr so leichtfertig an eine politische Parteinahme knüpfen wie die Dichter der Irish Renaissance, aber er schafft es, den übersteigerten Nationalstolz der Auswanderer aus ihrer Knechtschaft verständlich zu machen. Daheim wie in den Kolonien werden sie mundtot gemacht. Auch deshalb schreibt Ned Kelly seine Geschichte auf, er ringt um Redefreiheit, denn er weiß, wer das Wort hat, hat auch die Macht. Doch seine Gegner sorgen dafür, dass er vergeblich gegen die Deutungshoheit der britischen Herren anschreit, erst Peter Carey verhilft ihm zu seinem Recht. Darum ist Die wahre Geschichte von Ned Kelly ein mehrfacher Triumph der Literatur: über die Kolonialmacht und über die Rebellenfolklore.

Wer kein Ire ist, kann aus Ned Kellys langem Ritt zum Galgen trotzdem etwas lernen: Der Ire, metaphysisch und als Befreiungskämpfer betrachtet, ist nicht totzukriegen. Er kann allerdings von jedem stinkenden Spitzel verraten werden. Ein Held ist eben auch nur ein Mensch.