Frankfurt/Main

Es ist ziemlich mühsam, das Rad neu zu erfinden. Am Wochenende trafen sich die Globalisierungskritiker von Attac in Deutschland zu ihrer ersten großen Bundesversammlung: Eine Satzungsdebatte stand an - wie bei einem Verein. Ein dickes Antragsheft lag vor den Teilnehmern - wie bei einem Parteitag. Dabei fürchten die Globalisierungskritiker nichts mehr als das: ein Verein zu werden oder - noch schlimmer - eine Partei. Deshalb sollten Strukturen geschaffen werden, die sich nicht verselbstständigen. Und Abstimmungen sollte es geben, bei denen niemand überstimmt wird.

"Entscheidungen bei Attac werden grundsätzlich im Konsens herbeigeführt", lautet der erste Satz der Satzung, die bei Attac nicht Satzung heißen darf und nicht Geschäftsordnung, weil beides schon zu sehr an einen Verein oder an eine Partei erinnert, die aber auch nicht Verfassung genannt werden darf, denn das würde zu sehr nach Staat klingen. Attac also legt Wert auf den Titel Strukturpapier. - Wer will, kann sich endlos lustig machen über Attac. Über Rituale, die die Linke seit Jahrzehnten pflegt: über den weltverbesserischen Betroffenheitsjargon, über angebrannte Grünkernbratlinge auf dem Mittagsbuffet, über den zähen Streit um die Frauenquote.

Doch bei Attac schreckt all das niemanden ab. Vor einem Jahr hatte die Organisation noch knapp 500 Mitglieder. Seitdem zeigt die Kurve steil nach oben, angefangen vom G-8-Gipfel in Genua im vergangenen Sommer und unbeeindruckt vom 11. September, der etliche Kommentatoren das Ende der Globalisierungskritik vorhersagen ließ. Bis heute treffen jede Woche im Büro in Verden (Aller) knapp 150 Beitrittserklärungen ein. Der aktuelle Mitgliederstand: 6500. Damit Attac nicht an seinem eigenen Erfolg erstickt, mussten sich die Globalisierungskritiker nun irgendwie organisieren.

Die ganze Breite der Bewegung fand sich im Hörsaal 6 der Frankfurter Uni ein, wo seit den sechziger Jahren alle großen linken Plenen stattfanden, wo einst die Spontis tagten und Joschka Fischer basisdemokratische Debatten dominierte. Es waren Leute da, die jene Zeit noch erlebt haben: ein emeritierter Soziologieprofessor, Gymnasiallehrer, Veteranen aus den Soligruppen für Lateinamerika, Gewerkschafter. Oder Wolfgang, 65 Jahre, pensionierter Telekom-Techniker, Exlandeschef der Rentnerpartei Die Grauen und Exseniorenbeauftragter der Stadt Trier. Die Mehrzahl aber stellten die jungen und ganz jungen Leute, pragmatische Akademiker, linke und radikal linke Studenten, viele Schüler wie Lukas, 17, aus Weilheim in Bayern, der vorher in der amnesty-Schülergruppe aktiv war.

Attac ist offen, Attac ist sexy

Konsens heißt bei Attac nicht, dass alle zustimmen, sondern nur, dass weniger als zehn Prozent widersprechen. Mit rührender Ernsthaftigkeit hörte man einander zu, mühte sich um sanften Ton. Der Moderator fragte nicht nach Ja- oder Nein-Stimmen, sondern: "Wie viele können mit der Formulierung nicht leben?" Und das Verblüffende geschah: In fast allen Fragen gab es letztlich eine Einigung. Sobald der Konsens erreicht war, schien alle Quälerei vergessen. Der Saal jubelte erleichtert und berauschte sich an der Einigkeit.