Drei bis fünf Minuten braucht eine Atomrakete von Indien oder Pakistan, um ihr Ziel im benachbarten Feindstaat zu treffen. Indien hat schätzungsweise 60 Sprengköpfe, Pakistan soll über 25 verfügen. Schon einer davon könnte, etwa in Bombay, 850 000 Menschenleben auslöschen. Was fehlt, sind ausgefeilte Befehls- und Kontrollmechanismen.

"Es ist an der Zeit, eine entscheidende Schlacht zu führen", sagte der indische Premierminister Atal Bihari Vajpayee vergangene Woche vor Frontsoldaten. Pakistan antwortete mit neuen Raketentests. Seit Dezember liefern sich an der umstrittenen Grenze über eine Million Soldaten Artilleriegefechte, begleitet von einem schrillen Krieg der Worte. Auslöser war ein Anschlag pakistanischer Kaschmir-Rebellen auf das Bundesparlament in Neu-Delhi. Vor zwei Wochen erreichte die Krise einen gefährlichen Höhepunkt, als pakistanische Selbstmordattentäter im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir Soldatenfamilien massakrierten.

Indien lastet den Bürgerkrieg in Kaschmir vor allem Pakistan an, denn zumindest bis vor kurzem unterstützte dessen Militärgeheimdienst ISI die Kämpfer mit Geld, Waffen und Logistik. Die Regierungskoalition um die hindunationalistische BJP will nun ein Ende dieser Hilfe erzwingen und fordert die Auslieferung von 20 mutmaßlichen Terroristen. Seit dem jüngsten Attentat steht Premierminister Vajpayee vor der Wahl, die über Monate wiederholten Drohungen entweder wahr zu machen oder Indien als zahnlose Regionalmacht zu blamieren.

Planspiele reichen von der Verfolgung von Terroristen über die Grenze bis hin zur Teilbesetzung Pakistans, doch nichts davon kann die Regierung wollen. Die schwächere pakistanische Armee könnte Indien auch in einem konventionellen Krieg schwere Verluste beibringen. Zudem stehen amerikanische Truppen in Pakistan. "Die Amerikaner könnten uns möglicherweise schneller anspringen als die Pakistaner. Es scheint, als hätten wir wenige Optionen, vielleicht sogar keine", sagte ein hoher Regierungsbeamter der Zeitschrift Outlook.

Angriffe auf Rebellenlager wären übrigens sinnlos. Seit Jahren sind eine halbe Million Soldaten in Kaschmir nicht in der Lage, die Grenze zu sichern oder auch nur die Zahl der Separatistenangriffe zu vermindern - auf pakistanischem Territorium dürften sie kaum erfolgreicher sein. Von den bewaffneten Separatisten soll nur ein Drittel aus dem Ausland stammen. Drei Viertel der Menschen im Kaschmir-Tal wollen die Unabhängigkeit.

Die Drohgebärden richten sich nur zum Teil an Pakistan - Hauptadressat sind wohl die USA. Als Washington vor dem Afghanistan-Krieg den Putschgeneral Musharraf zum Staatsmann adelte, war die Vajpayee-Regierung zunächst orientierungslos. Anfang Oktober begann sie dann, sich die strategische Bedeutung Pakistans zunutze zu machen: Nach einem blutigen Anschlag auf das Provinzparlament von Jammu und Kaschmir erzwang Neu-Delhi mit Artilleriefeuer und kriegerischer Rhetorik nach und nach die Verlegung pakistanischer Truppen von der afghanischen an die Ostgrenze. So drohte Pakistan als US-Basis nutzlos zu werden.

Falls dies das Kalkül war, ging es auf: Westliche Diplomaten forderten Musharraf teils auch öffentlich auf, Grenzübertritte von Terroristen zu verhindern. Derart unter Druck, ließ der General im Januar mehr als 2000 islamische Aktivisten verhaften - die meisten sind inzwischen wieder frei.