Neben dem Semiotikstudium am Estnischen Institut für Geisteswissenschaften gefiel es mir in einer gewissen Periode meines Lebens, an Massenveranstaltungen teilzunehmen, die Augen Umberto-Eco-haft zusammenzukneifen, mir durch den Bart zu streichen und sarkastische, scharf blickende Bemerkungen über die Massenreaktionen oder die wahre Bedeutung der Dinge fallen zu lassen. Diese Zeit verging recht schnell, denn je allgemeiner der Nenner, desto platter das Vergnügen. Den Grand Prix verfolgte ich in diesem Jahr nur deshalb, weil die ZEIT mich dorthin sandte. Ich habe mir ein Schildchen um den Hals gehängt. Kaur Kender, Germany ist darauf geschrieben.

Überzeugend. Ich nickte mir im Spiegel zu und machte mich auf den Weg in die Stadt.

Während der Grand-Prix-Woche in Tallinn fühlte ich mich gewöhnlich wie Victor Ward in Bret Easton Ellises Buch Glamorama. Ich bin semifamous, werde überall von einer Fangeinheit verfolgt und habe absolut keine Ahnung, was eigentlich vor sich geht. Tallinn ist eine kleine Stadt. Eine sehr kleine, mit kaum 400 000 Einwohnern. Aber diese Zahl täuscht. Der Großteil der Stadt besteht aus hässlichen Plattenbauten und langweiligen Einfamilienhausgebieten. Die Stadt selbst, also der Ort, wo ein bisschen Trubel und Leben herrschen, ist nur einige Quadratkilometer groß. In Tallinn hört man ständig Geschichten über unsere phänomenale, unikale und partikuläre Altstadt. Ja, etwas gibt sie schon her. Aber wenn das eine alte Stadt sein soll, was ist dann Rom? Und die Kameras der Filmteams waren für mich und noch für viele andere eitle Tallinner, die an ihren außerehelichen Beziehungen arbeiteten, eine Strafe.

Zum Beispiel sitzt du mit deiner Geliebten, nichts Böses ahnend, in irgendeinem Café und denkst nicht im Traum daran, dass dir abends zu Hause ein Skandal bevorsteht: Das finnische Fernsehen zeigt deine außerehelichen Küsse. Erklär das mal.

Die wenigen Quadratkilometer der Altstadt waren erfüllt vom Grand-Prix-Trubel, denn die Esten glaubten, dass die Augen der ganzen Welt, Entschuldigung, die Augen Europas hierher gerichtet seien. Heute las ich in einer Zeitung, dass insgesamt 120 Millionen Zuschauer den diesjährigen Grand Prix mitverfolgt haben. Nicht schlecht. Vorige Woche habe ich in derselben Zeitung gelesen, dass 500 Millionen Chinesen noch nie eine Zahnbürste benutzt haben. Mein Freund, der Banker Rain Lähmus, der in Harvard studiert hat, sagt ständig, von Bedeutung sei nicht die Bevölkerungszahl, sondern ihre Kaufkraft. Das glaube ich. Allein schon deswegen, weil er die größte Bank des Baltikums, die Hansapank, gegründet hat, die inzwischen zum Großteil schwedischen Banken gehört. Sie ist das einzige in Estland gegründete Unternehmen, dessen Kapitalertrag ungefähr eine Billion Euro beträgt. Es ist kein Zufall, dass der Vorsitzende des Bankausschusses Anders Sahlen ist, ein Schwede natürlich. Er ist kein Verwandter der Schwedin mit Namen Sahlen, die Estland auf dem Grand Prix vertrat. Behauptet man.

Die größte Boulevardzeitung Estlands, åhtuleht, mit der unglaublichen Auflage von 68 000 Exemplaren, berichtete, dass jene 300 Polizisten, die zum Grand Prix aus den verschiedensten Gebieten Estlands zusammengezogen worden waren, um für Ordnung zu sorgen, für jeden Tag eine Sonderzulage bekommen. Wie viel wohl? 100 Euro? Oder 10? Nein, sie bekommen 24 Estnische Kronen, das sind 1,7 Euro. Übrigens auch ich bekam die ganze Zeit kostenlos Cidre und Bier, damit ich auch gut über Estland schreiben möge. Cidre und Bier kosten in Estland ungefähr 24 Kronen pro Glas. O du mächtiger, reicher estnischer Staat!

Potemkin wäre über die Fortsetzung seines Projekts stolz gewesen.