Manche Schüler zeigen sich erst dann einsichtig, wenn ein Zeugnis ihre Schwächen schwarz auf weiß dokumentiert. Politikern geht es ebenso. Vor einem halben Jahr noch schien es höchst unwahrscheinlich, dass sich die Kultusminister darüber einigen, was deutsche Schüler können und wissen müssen. Geradezu undenkbar war es, dass sich alle Bundesländer bereit erklären würden, solche gemeinsamen Bildungsstandards durch regelmäßige Vergleichsklausuren in allen Schulen zu garantieren. Genau das haben die Kultusminister - den Pisa-Schock im Nacken - vergangene Woche in Eisenach beschlossen.

Damit revidieren die obersten deutschen Schulstrategen zwei bildungspolitische Irrlehren. Die erste lautete: Hiesige Schulen gediehen am besten, wenn jedes Bundesland allein vor sich hin experimentiert. Die zweite: Es reiche, Lehrern genau vorzuschreiben, was sie zu unterrichten haben, und eine Erfolgskontrolle sei ebenso unmöglich wie sinnlos.

Bis heute sind deutsche Schulen eine Art Black Box: Lehrer wissen nicht, ob sie gute Arbeit verrichten, Politiker haben keine Ahnung, ob ihre Vorgaben zu den gewünschten Ergebnissen führen. Eltern müssen blind darauf vertrauen, dass ihre Kinder den Unterricht bekommen, auf den sie Anspruch haben.

Regelmäßige Qualitätstests könnten diesem Missstand ein Ende setzen.

Konsequent durchgesetzt, werden sie die Schulkultur in Deutschland durchgreifend verändern. Möglich scheint eine Schule, die Rechenschaft ablegt über ihre Leistungen - in denen Lehrer arbeiten, die bereit sind, ihren Unterricht zu öffnen und von ihren Kollegen zu lernen.

Der erste Schritt ist also getan - offen ist, ob er in die richtige Richtung führt. Um Transparenz und Glaubwürdigkeit der Leistungsuntersuchungen zu gewährleisten, sollten langfristig unabhängige Institute die Evaluation übernehmen. Die Bildungsbehörden sollten sich darauf beschränken, neue Lehrmethoden zu verbreiten, vorbildliche Schulkonzepte zu belohnen und Problemschulen - nein, nicht zu bestrafen, sondern ihnen auf einen neuen Weg zu helfen. Durchs Testen allein wird keine Schule besser.

Von einem Rückzug der Politik aus Deutschlands Schulen hörte man in Eisenach jedoch wenig. Nicht zu Unrecht fürchten Lehrer und Schulleiter, dass mit den Leistungsvergleichen auch mehr Kultusbürokratie Einzug hält, die den pädagogischen Spielraum noch mehr einschränkt. Doch Kontrolle einerseits und Autonomie andererseits bilden keinen Gegensatz. Umgekehrt geht die Gleichung auf: Nur wer selbst für sein Tun verantwortlich ist, kann auch zur Rechenschaft gezogen werden (siehe Seite 30).