Mitten in Frankfurt nistet die Kleinstadt. Hinter bröckelnden Wehrmauern gerät man ins Gewirr der Gässlein, wandert vorbei an Fachwerk und Schindeln, immer tiefer hinein in diesen Touristenwinkel der Gemütlichkeit. Billige Kneipen haben die schiefen Häuser erobert und verhängen mit ihrer Werbung die Fassaden von Alt-Sachsenhausen. Hier braucht man Geschichte eh nur als Kulisse - alles Authentische ist von Bierwut zernagt, vom Vergnügungszwang getilgt. Rasch eilt man weiter, am Oberbayern vorüber und an der Tanz-Vinothek, und steht dann vor diesem Schild, das einen Aussichtsturm verheißt. Bloß rauf, dem Elend entkommen, denkt man. Und gelangt von der einen Inszenierung in die nächste, von der Künstlichkeit in die Kunst.

Leicht könnte sich auch ein Quartalssäufer hierher verirren, unversehens und ohne Eintritt zahlen zu müssen, landete er im Inneren einer kastigen Skulptur des Portugiesen Sancho Silva, würde umfangen von hohler Dunkelheit. Neugierig blickte er durch die zwei Schlitze in der Wand und sähe eine entrückte Szene, einen Raum voller Menschen, allesamt zahlende Besucher der Großschau Manifesta, die herumschlendern, mit Fernstechern aus dem Fenster schauen oder sich auf Sperrholzliegen lümmeln. Sie merken nicht, dass sie beäugt werden, dafür sind die Schlitze zu schmal. Silvas Dunkelkammer ist in ihren Augen ein banales Holzungetüm, niemand ahnt, dass es sich auch als belebtes Sinnbild begreifen lässt: Hier steigt der Alltag empor, die Skulptur holt Leute von der Straße hinein in ihr Innerstes - und macht den Kunstbetrachter zum Betrachteten.

So wie Silva mit seinem Aus- und Einsichtsturm versuchen sich viele der über 70 Manifesta-Künstler an Grenzverschiebungen. Aus allen Teilen Europas sind sie angereist, die meisten nicht älter als 25 und unerfahren mit großen Ausstellungen. Doch trotz aller biografischen und gestalterischen Unterschiede ähneln sich doch ihre Absichten, ihre Hoffnungen auf eine Kunst, die hinausreicht in die Welt der Nichtkünstler - auf dass sie das ganz normale Leben verändere. Verstreut über viele Frankfurter Ausstellungsorte und öffentliche Plätze, präsentiert uns die Manifesta ein Künstlertum der Flugblätter und Parolen: Widerstehe!, ruft man uns an jeder Ecke zu.

Konsumiere dich selbst! Klassenkampf jetzt! Und damit niemand denkt, dies sei nicht ernst gemeint, parkt der Künstler Igor Grubic aus Zagreb vor dem Eingang der Schirn Kunsthalle ein ausgebranntes Autowrack.

Überall in der Stadt begegnen einem diese Zeichen eines politischen Künstlerkampfes: Eine comichafte Version von Picassos Antikriegsbild Guernica gibt es zu bestaunen und den Nachbau jener Zelle, in der Kurdenführer Öcalan inhaftiert ist. Doch so propagandistisch manches auf dieser Manifesta auch sein mag, als Revolutionäre sehen sich die Künstler nicht. Lieber sprechen sie spöttelnd von "Revolutionen auf Anfrage", so wie vier finnische Teilnehmer, und glauben fest an die Macht sanfter Reformen. Mal forscherselig, mal parodistisch machen viele Künstler den Kapitalismus zu ihrem Thema, durchleuchten Markt- und Imagestrategien ebenso wie die Mechanismen der öffentlichen Meinung - und wollen sie mit ihren Ideen überformen.

Ein neuer Künstlerkampf

Måns Wrange aus hus etwa hat sich ins Reich der Statistik gewagt, um den durchschnittlichsten Durchschnittsschweden zu ermitteln, und er fand tatsächlich eine Frau, in der sich alle Mittelwerte verkörpern. Marianne wurde sie genannt, ihre Identität hielt man schützend anonym, und doch stieg sie auf zur neuen Leitfigur der schwedischen Gesellschaft. Beraten von hoch dotierten Werbeleuten und Lobbyisten, wurden Mariannes Meinungen in die Öffentlichkeit geschleust, mittels prominenter Partner, die sich für die Durchschnittsansichten stark machten. Sie flossen ein in Parlamentsreden, in ein Buch, sogar in die Folge 17 der Fernsehserie Schärenarzt, wo ganz beiläufig die Marianne-These vertreten wurde, dass Solidarität endlich steuerlich absetzbar sein sollte, damit mehr Mitmenschlichkeit entstehe. Nach der Moral dieses Lehrstücks, das vielleicht auch nur ein aufwändiger Künstlerschwindel ist, braucht man nicht lange zu forschen: Mit der richtigen Infiltration, mit einer anderen Art der Meinungsmache, so wird uns erklärt, wäre die Gesellschaft eine andere.