Kult regiert die Welt. Von Ally McBeal bis Star Wars hat das Phänomen sich derart verbreitert, dass man darüber fast vergisst, dass Kultisten früher einmal Geheimwissenschaftler waren - würde man nicht von Zeit zu Zeit daran erinnert.

Ganz altmodischer Kult, das ist Lee Hazlewood. Seine Songs kennt jeder, den Mann so gut wie niemand. Er versteckt sich hinter seiner eigenen Legende, die er mit Schauspielerei, Whiskeytrinken, einem Hang zum Frührentnertum und zeitweiser Interviewverweigerung zu befördern verstand. Der mittlerweile 72-Jährige verantwortete als Sänger, Plattenfirmenchef und Songschreiber Dutzende von Hits, bleibt aber für viele bloß der hässliche Typ mit dem Schnurrbart neben der adretten Nancy Sinatra. Für die komponierte er dereinst These Boots Are Made For Walking, andere Songs kursieren in Versionen von Dean Martin und Courtney Love, von Elvis Presley oder den Einstürzenden Neubauten. For Every Solution There's A Problem, die erste Veröffentlichung seit Jahrzehnten, und das parallel erscheinende Tribute-Album Total Lee - The Songs of Lee Hazlewood (beide City Slang/Virgin/Labels) zeigen, wie tiefe Spuren Hazlewood ins kollektive Unterbewusstsein gegraben hat: Man meint, alles schon zu kennen, ohne zu wissen, woher. Beim ersten Teil der Lieferung handelt es sich um bis zu 30 Jahre alte Aufnahmen, die ursprünglich als Exposés für interessierte Sänger eingespielt wurden. Eine akustische Gitarre ist meist die einzige Begleitung für Hazlewoods Stimme, die inmitten solch schlichter Schönheit etwas von einem romantischen Versprechen hat, herübergeweht wie das Gläserklingen einer Party am entfernten Strand.

Erzählt werden oberflächlich simpel konstruierte Geschichten vom Auf-der-Straße- oder Verlassen-worden-Sein, in die allerdings stets noch eine zweite, dritte Ebene eingezogen ist. Wenn der Troubadour sich an die Stelle von Dolly Partons Gitarre wünscht, dann lässt sich das lesen als Erinnerung an eine verflossene Liebe, aber auch als Ironisierung der Rollenklischees in der Country-Szene, in der Parton stets nur auf ihre Oberweite reduziert wird.

Diese Doppelbödigkeit mit kommerziell verwertbaren Melodien und einem derben Humor versöhnt zu haben, dafür wird Hazlewood unter den Songwriter-Kollegen verehrt, die auf Total Lee den Legendenstatus mit ehrfurchtsvollen Neuinterpretationen zementieren. Dass außer Pulp-Sänger Jarvis Cocker keiner der Beteiligten einen allzu prominenten Namen trägt, garantiert, dass der Kult um das letzte lebende Universalgenie der Popgeschichte nicht zur Kommerzmasche verkommt - und Lee Hazlewood weiterhin allein den Eingeweihten überlassen bleibt.