Amsterdam

Pieter Hilhorst weiß gar nicht so recht, wie ihm geschieht. Sein kleines Drama, es heißt Hetze, eine ebenso böse wie witzige Satire auf den Zynismus der etablierten politischen Klasse der Niederlande, ist unversehens dabei, zu einer bitterernsten Theateraffäre zu werden. Und obwohl einem 36-jährigen Autor mit seinem ersten Bühnenwerk eigentlich kaum Besseres passieren kann, ist Pieter Hilhorst dieser Wirbel doch etwas unheimlich.

Da dieses eigentlich sehr amüsante Intrigenspiel von den politischen Folgen eines Attentats handelt, dem ein (fiktiver) rechtspopulistischer Parteiführer zum Opfer gefallen ist, wirft man ihm nun "Leichenfledderei" vor. Schließlich würde die Ermordung des (realen) niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn vor vier Wochen diese Aufführung eigentlich verbieten. "Das riecht nach künstlerischer Korruption", schrieb der bekannte niederländische Autor Hermann Franke in der Zeitung De Volkskrant. Und da Hilhorst, von Hauptberuf politischer Journalist, dort als Kolumnist beschäftigt ist, schmerzt es ihn besonders, gerade an dieser Stelle zu lesen, mit seinem Stück heize er lediglich die Politikverachtung der Anhängerschaft Fortuyns an. Er bediene nur die Ressentiments derer, die bei Fortuyns spektakulärem Begräbnis in Sprechchören "Nie mehr links!" gebrüllt haben.

Erregung und Gänsehaut

Die Erregung hängt damit zusammen, dass es sich bei der umstrittenen Aufführung um eine Wiederaufnahme handelt. Die Premiere hatte schon am 1. Mai im Amsterdamer Kulturzentrum De Balie stattgefunden. Das Stück fand in der politischen Szene eine gewisse Beachtung. Das Publikum nahm es freundlich auf, der strenge Hermann Franke aber hat es damals schon als zu politisch und zu wenig künstlerisch kritisiert. Am 6. Mai wurde Pim Fortuyn, Spitzenkandidat der nach ihm benannten rechtspopulistischen, ausländerfeindlichen Liste, ermordet und Hetze daraufhin abgesetzt. Übrigens nicht weil die Veranstalter Pietät beweisen wollten. Vielmehr hatten die beiden weiblichen Darsteller des Vierpersonenstücks erklärt, sie könnten nun nicht mehr spielen. Hilhorst zeigte Verständnis. "Es gibt in dem Stück ja doch einiges zu lachen", sagte er. Unter dem Eindruck des Anschlags wäre das vielleicht problematisch geworden und das Lachen den meisten im Hals stecken geblieben. Nun, am Montag dieser Woche, wurde Hetze doch wieder ins Programm des Balie genommen. Erst mal für drei Abende. Aufmerksamkeit ist gesichert, mehr als bei der Premiere. Jetzt hat sich auch das niederländische Fernsehen angesagt.

Und die schnellen Dialoge, der rasante Austausch von knappen Einzeilern, gespickt mit witzigen Pointen, Bosheiten und auch Kalauern? Werden die Leute lachen? Und würde das nun nicht mehr makaber oder pietätlos wirken? "Ich bin sehr gespannt", sagte Hilhorst wenige Stunden vor der Aufführung. Geändert habe er natürlich nichts, sagt er. "Das Stück steht für sich selbst. Es handelt ja nicht von Fortuyn. Es geht um die Politik und wie sie gemacht wird." Und wie sie wirklich ist, zynisch und am Machterhalt orientiert. Das Spiel der Erben Machiavellis.

Aber das ist ja das Schlimme, wenn man dem Einwand des Kritikers folgt. Darf man damit in Zeiten wie diesen Erfolg und Beifall suchen? Ist das nicht seinerseits zynisch? Das sind die Fragen des Kritikers, und wenn sie auch nach bedenkenträgerischer Korrektheit riechen, aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Die Politik, wie Hilhorst sie vorführt, ist schauerlich. Ein Fall für Gänsehaut. Vielleicht ist es also wirklich immer noch zu früh für das Stück. Im Herbst, wenn die Inszenierung im Rahmen des niederländisch-belgischen Theaterfestivals gezeigt wird, wird man ruhiger urteilen können. Bis dahin gibt es in Den Haag ja vielleicht auch die erwartete rechte Regierung unter Beteiligung der obskuren Fortuyn-Liste, um die man seit der Wahl nicht herumkommt.