Der Antisemitismusstreit um Jamal Karsli, Jürgen Möllemann und die FDP hat Tabu und Tabubruch ins Zentrum der öffentlichen Diskussion gerückt. Das Echo war und ist groß - wegen der besonderen Schäbigkeit eines Spiels mit der Karte der Judenfeindschaft. Es geht zugleich um mögliche Implikationen für die politische Strategie und die Parteienlandschaft weit über die Bundesrepublik hinaus. Denn der Erfolg populistischer Bewegungen und ihrer Führergestalten, wie jüngst in den Niederlanden, hat regelmäßig mit dem Aussprechen des scheinbar Unaussprechlichen zu tun, mit der Rebellion gegen echte oder angebliche Meinungskartelle. Der Populist, so möchte er gesehen werden, sagt frei heraus, was eigentlich alle wissen, was zu sagen die meisten aber sich nicht trauen.

Das einschlägige polemische Stichwort für ein Klima der Gedankenkontrolle, das bestimmte Fragen wie Immigration oder Europäisierung einer offenen Debatte entzieht, lautet Political Correctness. Nicht zufällig war es auch das Leitmotiv von Jamal Karslis vertrotzter Rückzugserklärung, in der zur zensurhaften Ideologie noch eine mit ihrer Hilfe herrschende Kaste hinzukonstruiert wurde, nämlich die "politisch korrekte Klasse", die darüber entscheide, "was man in Deutschland wie öffentlich zu formulieren und wozu man zu schweigen hat". So verschwörungstheoretisch hätte es Möllemann kaum und Westerwelle gewiss nicht gesagt. Aber auch sie scheinen ihr stärkstes Argument im Protest gegen eine Art Gesinnungswächtertum zu finden, und zwar in der Bekundung, man lasse sich nicht einfach das Denken und den Mund verbieten.

Eine neue Muckerhaftigkeit

Politische Korrektheit, die Sache selbst wie auch die Kritik daran, hat ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten. Es handelt sich zunächst auch wirklich um eine sehr amerikanische Angelegenheit, einer Gesellschaft entstammend, die als multiethnische Nation bei allem Individualismus immer zugleich ein Ensemble von Gruppen ist, die um Anerkennung und Repräsentation kämpfen. Um den traditionell Benachteiligten unter ihnen - wie den Schwarzen - voranzuhelfen, schienen praktische Gleichstellungsmaßnahmen wie Quoten nicht auszureichen. Es galt auch, ihrer Diskriminierung durch die als selbstverständlich vorausgesetzten Standards einer Herrschafts- und Mehrheitskultur entgegenzuwirken.

Daraus hat sich, zumal in der akademischen Welt, ein weit verzweigtes, bisweilen eindrucksvolles, bisweilen kurioses, bisweilen auch hysterisches System der Rücksichtnahme auf Minoritäten und Außenseiter entwickelt, eine mehr oder weniger verinnerlichte Scheu, die weiße, männliche, heterosexuelle oder sonstwie herkömmliche "Normalität" in Tat und Wort zum Maß der Dinge zu machen. Gerade amerikanische Liberale haben es mit Misstrauen betrachtet, wie dabei Kollektivsensibilitäten auf Kosten von Individualrechten an Boden gewannen. Philip Roths jetzt auch hierzulande viel gelesener Roman Der menschliche Makel handelt unter anderem von dieser Verkehrung des Gutgemeinten in eine neue moralisierende Muckerhaftigkeit, er handelt von einem Professor, der nach einer als rassistisch missverstehbaren flapsigen Bemerkung über zwei schwarze Studenten einer Verfemungskampagne zum Opfer fällt und seinen Job verliert.

In Deutschland, wie auch sonst vielfach in Europa, ist die politische Korrektheit von Anfang an negativ besetzt gewesen, ein Schlag- und Schimpfwort ihrer Gegner. Übrigens nicht nur auf der Rechten. Der kirchentagshafte "Gutmensch", dem Macht, Geld und Machismo ein Gräuel sind und der diese Aversion schon für Politik hält, hat auch den Spott und die Provokationslust einer härter gestimmten Linken auf sich gezogen. Aber in der Hauptsache ist die Anklage gegen die politische Korrektheit von rechts nach links gerichtet gewesen, genauer gesagt gegen einen fortschrittlich-liberalen Mainstream, der sich in den wohlstandsunterfütterten Gesinnungsgewissheiten der Spätbundesrepublik bequem und selbstzufrieden eingerichtet hatte.

Welche Tabus man dabei vor allem brechen wollte, unterschied und unterscheidet sich je nach Geschmack und Interessen der Angreifer.