die zeit: Herr Eichel, was stört Sie an Brüssel? Hans Eichel: Ich lege Wert darauf, weniger von Brüssel kontrolliert zu werden, wenn wir selber nachweisen, dass wir europäisch denken. Aber beim europäischen Denken gibt es in Deutschland durchaus Defizite. Deshalb war es sehr hilfreich, dass Brüssel die finanziellen Versprechen in den Wahlprogrammen der deutschen Parteien kritisch bewertet hat. Wir brauchen mehr europäisches Denken in den Hauptstädten.

Mario Monti: Einverstanden. Auch Deutschland muss europäischer denken - denn letztlich bedeutet das doch nur, dass es den eigenen Prinzipien folgt.

Schließlich ist die Europäische Union weitgehend eine deutsche Idee. Die Verträge, über die die Kommission wacht, sind ja überwiegend unter deutschem Einfluss formuliert worden. Wir hätten keine gemeinsame Wettbewerbspolitik, wenn nicht Deutschland seit den 50er Jahren so stark darauf gedrängt hätte.

Ähnliches gilt für die Kontrolle von staatlichen Beihilfen. Oder nehmen Sie den Stabilitätspakt. Den gäbe es heute nicht. Ihr Land sollte viel stolzer auf seinen Beitrag zu Europa sein. Die EU ist heute ein Spiegelbild der Tugenden, die Deutschland Jahrzehnte lang auszeichneten.

zeit: Statt stolzer Worte hört man hier eher europakritische Töne. Ist das nichts als Wahlkampfgetöse?

Monti: Wahlkampfzeiten sind überall schwierige Zeiten. Und natürlich hört man dann nicht nur aus Deutschland hin und wieder Stöhnen über unsere Entscheidungen. Aber mir scheint, dass die Finanzminister insgeheim ganz froh sind, wenn wir beispielsweise die eine oder andere Subvention verbieten.

Damit sparen sie schließlich Geld.