Nach dem Kaiserschnitt sticht der Arzt mit einer dicken Nadel in die Nabelschnur und zieht ungefähr 80 Milliliter Blut ab. Die Mutter Andrea Speidel hat darum gebeten. Denn sie hofft, dieser besondere Saft werde ihrem Sohn Luca künftig als eine Art "Ersatzzelllager" dienen.

Im Nabelschnurblut befinden sich Stammzellen, die später bei unterschiedlichen Erkrankungen Rettung verheißen. Sie könnten im Fall einer Leukämie eine Knochenmarktransplantation ersetzen. Auch bei Herzinfarkt, Schlaganfall oder sogar Diabetes hofft man auf ihre Heilkraft. Noch sind dies Spekulationen. Trotzdem ist Andrea Speidel, selbst Ärztin, überzeugt: "Ich glaube an den Fortschritt und will meinem Sohn diese Chance bewahren." Rund 1800 Euro hat sie der Leipziger Firma Vita 34 bezahlt, damit sie Lucas Nabelschnurblut 20 Jahre lang tiefgekühlt lagert.

Das Unternehmen hat seit 1997 knapp 10 000 Beutel eingefroren. Bisher hat noch keiner seine Ersatzzellen genutzt. "Das wäre auch sehr unwahrscheinlich, da die Kinder noch jung sind", erklärt Eberhard Lampeter, Geschäftsführer von Vita 34. Er wünsche, dass künftig das Nabelschnurblut jedes Babys aufbewahrt werde. Sogar Krankenkassen hätten daran bereits Interesse signalisiert.

Derweil motivieren Fantasien über heilbringende Stammzellen so manche Eltern, tief in die Tasche zu greifen. Hoffnung und Angst treiben das Geschäft.

Auf dem Nabelschnurblutmarkt buhlen mehrere Anbieter um die Gunst werdender Eltern. Informationsabende vor der Niederkunft gehören mittlerweile schon fast dazu wie die Geburtsgymnastik. Geworben wird mit "günstigen" Preisen, vermeintlich besseren Techniken oder portioniertem Einfrieren, damit die Wunderzellen mehrmals zum Einsatz kommen könnten. Doch über den wirklichen Nutzen für Otto-Normal-Baby gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.

"Das Tiefgefrieren von Nabelschnurblut ist eher kommerziell interessant als klinisch sinnvoll", sagt Axel Zander, Leiter des Knochenmarktransplantationszentrums der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Bei Blutkrebs sei ein Familienspender besser geeignet als eigene Stammzellen, weil das "fremde" Blut eventuell noch vorhandene Leukämiezellen vernichtet.

Das sei entscheidend für den Heilerfolg. Lässt sich jedoch kein geeigneter Knochenmarkspender finden, dann ist nach Ansicht des Onkologen Andreas Beilken von der Medizinischen Hochschule Hannover Nabelschnurblut "in jedem Fall besser als nicht zu transplantieren".