S O N N T A G, 2 8. A P R I L 2002 Alao ? ein Fest in den Anden
Zunächst geht es jedoch in eine ganz andere Richtung. Wir passieren Riobamba und halten im Örtchen Licto. Sonntag ist Markttag. Auch hier türmen sich an den Ständen die Produkte der regionalen Landwirtschaft: Äpfel, Mandarinen, Kohlköpfe, Stände mit bunten gewebten Stoffen, gestrickten Mützen, und Pullovern, Ponchos aus Lamawolle. Auch hier fast mehr Verkäufer als Käufer.
Dann rumpelt der Bus weiter über schmaler werdende Serpentinen, die Carlos meisterhaft überwindet. 200.000 Kilometer sitzt er bereits hinter dem Steuer seines Gefährts. Die Hänge werden steiler, der Weg schmiegt sich an den Berg, dann taucht plötzlich eine Siedlung auf, gegenüber auf der anderen Seite des Flusses: Alao. Wir werden erwartet. Aufgereiht am Straßenrand Menschen, die uns lachend zuwinken.
Doch zunächst fahren wir durch den Ort hindurch. Etwas außerhalb am Fluss sehen wir kleine dunkelgrüne Plastikhügel aus der Wiese auftauchen: unser Lager, das Camilos Trekking-Crew von Campus für uns errichtet hat. Über ein Dutzend Einzel- und Doppelzelte, ein Küchenzelt und ein großes Aufenthaltszelt, in dem heißes Wasser, Teebeutel, Kaffeepulver und Sandwiches für uns vorbereitet sind. Wir stellen die Stühle draußen vors Zelt, denn inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Wie von Zauberhand wurde der Wolkenvorhang, der uns die ersten Tage begleitet hat, zur Seite geschoben, die Sonne taucht die Landschaft in bizarres Licht.
Unsere Blicke schweifen hinauf auf die Hügel Richtung Dorf, die fast bis an die Spitze mit schwarzen, grünen, gelben Feldern gemustert sind. Richtung Talschluss bedeckt noch dichter Wald die Berge. Hier beginnt der Sangay Nationalpark, die Naturschutzzone, die vor dem Raubbau durch die Landwirtschaft geschützt ist. Irgendwo dort hinten muss sich auch der Eisgipfel des Altar verstecken, des höchsten Vulkans der Gegend. Nach dem Lunch räumen wir unsere Zelte ein. Zu Fuß geht es Richtung Alao. Um 15 Uhr, so hatte man uns bedeutet, sollte es einen „kleinen Empfang“ für unsere Gruppe geben. Denn das Alao-Projekt ist einer der wichtigsten Programmpunkte auf unserer „Bergvölker-Tour“.
Was uns dann erwarten sollte, widerspricht jeder Vorstellungskraft: Alle Menschen des Tals, so scheint es, sind zusammengeströmt, um die Besucher aus Deutschland und den berühmtesten Bergsteiger der Welt zu begrüßen. Ungefähr 300 Indios haben sich versammelt, ob Männer, Frauen oder Kinder, alle tragen karminrote oder schwarze Ponchos und die schwarzen Hüte, die man überall in Ecuador sieht. Alles drängt sich um den schmalen Dorfplatz. Nur ein kleines Karree bleibt frei, wo man für uns 22 Klappstühle reserviert hat.
Dann beginnt ein Redemarathon: Der Bürgermeister, sein Stellvertreter, der Vorsitzende der Trägervereinigung, die Anführerin der Frauenvereinigung.....Nachdem Reinhold Messner für uns alle einige Dankesworte gesagt hat, startet das Volksfest. Mindestens 20 Varianten ecuadorianischer Volkstänze zur scheppernden Hochlandmusik aus altertümlichen Boxen, vorgeführt von den Erstklässlern, dem Kindergarten, halbwüchsigen Gaucho-Imitationen mit riesigen Cowboyhüten, Fellhosen und Blues-Brother-Sonnenbrillen. Im Tanz und mit Gebärdensprache erzählen die Akteure Geschichten aus dem Tal, so wie es üblich war, als es noch keine Fernsehantennen auf den Dächern und keine Zeitungen gab. Und immer wieder werden die Gäste zum Mittanzen in die Mitte geholt.
Leider holt uns das schlechte Wetter wieder ein und der Dauerregen treibt uns ins Innere eines leer stehenden Klassenraums der Schule. Marco Cevallos, ein Architekt und Bergführer aus Quito und der Italiener Paolo Catelan aus Riobamba berichten über ihre Arbeit im Alao-Projekt. Hier im Dorf arbeitet die einzige Lastenträgergemeinschaft Ecuadors, die ähnlich den Sherpas in Nepal traditionell das Expeditionsgepäck für Forscher und Touristen in den angrenzenden Sangay-Nationalpark und unter die Gipfel der umliegenden Vulkane Sangay und Altar tragen. Zwei wichtige Ziele verfolgen Marco und Paolo mit der Alao-Stiftung: die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen und den nachhaltigen Schutz der Pflanzen und Tiere des Nationalparks, die von Abholzung, Bodenerosion durch verbotene Landwirtschaft und Wilderei bedroht sind.. Mehr als 70 Prozent des Waldes Ecuadors wurde in den vergangenen 30 Jahren gerodet – sei es für den Export von Tropenholz, die Anlage von Rosenplantagen oder zur Schaffung neuer Anbauflächen. Bereits vor 16 Jahren erkannte Marco Cevallos, „dass der einzige Weg, den Park vor der Zerstörung zu retten ist, den Menschen eine Perspektive zu geben“.
Da die Männer des Dorfes bereits seit Jahrzehnten ausländischen Forschern deren schwere Lasten in den unwegsamen Bergdschungel zwischen Altar und Sangay trugen, engagierte er Antonio, den heutigen Chef der Trägervereinigung und dessen Mitbewohner aus Alao auch für Trekkingtouren mit Touristen. Bis zu 50 Kilo asten die kleinen Männer so die Berge hinauf – für acht Dollar pro Tag, kein schlechter Tageslohn in Ecuador. Das Trägerprojekt, so die Hoffnung der Initiatoren, soll die Keimzelle sein für einen naturnahen, umweltverträglichen Tourismus in dieser Gegend. Marco und Paolo träumen von einer kleinen Lodge im Ort und davon, dass sich auch die Frauen mit dem Weben von Teppichen, dem Stricken von Pullovern aus Lamawolle und der Herstellung anderen Kunsthandwerks ein Zubrot zu den Erträgen der Landwirtschaft verdienen können. Bisher fließt das Geld vor allem von außen. Insbesondere Schweizer Besucher wie etwa die Kinderbuchautorin Elizabeth Girardier, bei einem Besuch in Alao fasziniert von dem Projekt und seinen Menschen, haben mit ihren Spendengeldern bereits eine Schule für 450 Kinder errichten können und eine 7 Kilometer lange Trinkwasserleitung aus dem Nationalpark. Denn die Brunnen im Tal sind für die Einheimischen Tabu. Sie liegen auf umzäunten, saftigen Wiesen, die Großgrundbesitzern gehören weit entfernt in Riobamba oder Quito.
Dauerhaft schaffen können es die Menschen von Alao aber nur selbst. „Wenn Hilfe nur von außen kommt“, sagt Reinhold Messner, „kostet das wie etwa in Grönland das Selbstverständnis der Menschen“. Deshalb braucht Alao ein Gut, das sich nach außen verkaufen lässt und das können derzeit vor allem Trekkingtouren in den Nationalpark und auf die Berge sein. Messner: „Alao kann nur überleben, wenn es sich in den Tourismus einklinkt.“ Angesichts der Krisen in der Nähe vieler klassischer Trekkingrouten (Nepal, Kaschmir, Tibet) sieht er sogar „eine große Chance für den Bergtourismus in Ecuador“.
Vor allem mit einem interessanten regionalen Angebot sieht er eine Chance für die Indios im globalen Tourismusmarkt: „Ihre regionale Kultur, verzahnt mit der lokalen Landwirtschaft und ihrem lokalem Kunsthandwerk erlaubt ihnen jene Marktnischen zu besetzen, die im weltweiten Tourismus nachhaltig Erfolg versprechen.“
Dass landestypische Kultur faszinierend, manchmal aber auch etwas gewöhnungsbedürftig sein kann, stellten wir dann beim anschließenden Abendessen fest: Auf großem Platten serviert man uns das Traditionsgericht der Indios – über dem Holzkohlefeuer geröstete Meerschweinchen.
Morgen in der nächsten Folge: Reiseteilnehmerin Petra Gralka über die erste Nacht im Zelt und die erste Wanderung in die Berge.
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