Josef Wissarionowitsch Stalin, Generalissimus und Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, ist 72 Jahre alt. Doch in seinem Reich, der zur Sieger- und Supermacht gewordenen Sowjetunion sowie in den osteuropäischen Satellitenstaaten, entscheidet er nach wie vor alle wesentlichen Fragen selbst. Sein jüngerer chinesischer Kollege Mao Tse-tung hört aufmerksam auf seinen Rat, ein Gleiches tut der im Krieg stehende Kim Il Sung in Nordkorea. Noch immer auch dirigiert Stalin den Terror selbst. Etwa fünf Millionen Menschen befinden sich in Lagern oder in der Verbannung, es wird verhaftet, gefoltert, ermordet (wenn auch die Opferzahlen nicht mehr so hoch sind wie den dreißiger Jahren). Das persönliche Regime des Diktators zeigt keine Altersmilde.

Allerdings leidet Stalin zunehmend an Schwäche- und Schwindelanfällen. Oft kurt er, auf ärztlichen Rat hin, am Schwarzen Meer; muss er in Moskau sein, wohnt er meist in seiner Datscha bei Kunzewo. Ausländische Besucher empfängt er allerdings wie und je gern im Kreml. Die mächtige Architektur soll den Besuchern schon beim Eintritt die gehörige Achtung einflößen, ein Effekt, den die dämmrige Beleuchtung dann noch verstärkt.

Ort und Stimmung gehören zum Ritual der Stalin-Audienzen für auswärtige Politiker, vor allem aus dem Ostblock. 140 solcher geheimen Unterredungen sind belegt, für etwa die Hälfte existieren Protokolle. KPD-, später SED-Führer wurden insgesamt elfmal vorgelassen, meist gruppenweise. Ulbricht, seit 1950 Generalsekretär und de facto schon vorher die Nummer eins der SED, durfte allerdings schon mal allein zum Kreml-Chef. Auch einige Sowjet-Größen pflegten an den Gesprächen teilzunehmen, am 1. April 1952 sind es unter anderem die Politbüromitglieder Nikolaj A. Bulganin, Wjatscheslaw M. Molotow, der schon 1939 mit NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop den Nichtangriffspakt ausgehandelt hatte, und Wladimir S. Semjonow, seinerzeit politischer Berater der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland (und von 1978 bis 1986 Botschafter in Bonn).

Die Wochen vor diesem Datum waren für Stalin enttäuschend verlaufen. Am 10. März 1952 hatte er den Westmächten in einer Note angeboten, mit Deutschland einen Friedensvertrag abzuschließen (ZEIT Nr. 11/02). Das Land könne wieder vereint werden, vorausgesetzt, es bleibe neutral. Doch Bundeskanzler Konrad Adenauer und die Westmächte zeigten kein Interesse. Zu groß erschien ihnen offensichtlich die Gefahr, ein neutrales Deutschland könnte unter Moskaus Fuchtel geraten.

So schickten Washington, London und Paris das sowjetische Angebot schon am 25. März retour, mit Billigung Adenauers. Stalin, der sich gewiss gewesen war, seine Initiative würde eine donnernde Massenbewegung der Deutschen in Ost und West für die Vereinigung ihres Vaterlandes entfachen und auf diese Weise die Position der Westmächte nachhaltig erschüttern, hatte - wieder einmal - die deutsche Situation völlig falsch eingeschätzt.

Die SED-Führung dagegen scheint von vornherein mit einer Ablehnung der Note gerechnet zu haben. Jedenfalls diskutierte das SED-Politbüro schon am 20. März, also noch vor der abschlägigen Antwort der Westmächte, ein Papier mit den Themen, die auf der 2. Parteikonferenz im Juli behandelt werden sollten. Pflichtschuldig steht zuoberst "Der Kampf um einen Friedensvertrag"; die Unterpunkte spezifizieren diverse Propagandaktionen. Doch dann folgt: "II. Was soll getan werden, wenn der Generalkriegsvertrag in Bonn zur Beratung ansteht?" Wenn, nicht falls. Der "Generalkriegsvertrag" - damit sind die von Adenauer angestrebten Deutschlandverträge gemeint; sie sollten die Westintegration und den Wehrbeitrag der Bundesrepublik regeln. Die Unterpunkte lassen erkennen, dass man mittels allerlei propagandistischer Aktionen den Vertrag als null und nichtig diskreditieren wollte; dazu waren Demonstrationen, Punktstreiks und Konferenzen geplant. Des Weiteren enthält das Papier noch "III. Massnahmen zur Verbesserung der Lage der Arbeiter ..." (Lohnerhöhungen und Ähnliches) sowie "IV. Verbesserung der Arbeit des Staatsapparates" (verwaltungstechnische Details). Alles in allem also, noch am 20. März 1952, ein erstaunlich undramatisches Programm. (Das Dokument gilt übrigens in der Forschungsliteratur als verschollen, befindet sich aber wohl verwahrt im Bundesarchiv in Berlin - Sekretariat Ulbricht, DY 30/3289.)

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