Über die NSDAP hieß es: "Anfang 1920 war in München die ‰Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei' gegründet worden; ihr Führer wurde bald Adolf Hitler, der als junger Bautechniker in Wien christlich-soziale Gedankengänge in sich aufgenommen hatte und nach Rache für den Verrat der ‰Novemberverbrecher' schrie, weil Deutschland sich erst nach der Vernichtung des ‰inneren Feindes', den er in Marxisten und J. sah, von seinen äußeren Feinden befreien könne." Die Wahlniederlage der NSDAP im Dezember 1924 kommentierte das Lexikon mit Vorsicht: "Der in den Wahlziffern sich zeigende äußere Rückgang des Antisemitismus darf freilich nicht darüber täuschen, dass der völkische Gedanke und damit auch der davon kaum zu trennende A. noch immer weite Kreise des deutschen Volkes beherrscht, die die J. als volksfremdes Element ansehen."

Damals zeigte der kleine deutsche Mann seinen Kindern von ferne ein glitzerndes Warenhaus mit Rolltreppe, murmelte etwas von Kriegsgewinnlern oder vaterlandslosen Spekulanten und bemerkte streng: "Beim Juden kaufen wir nicht ein!" Bebel hatte einen solchen Antisemitismus als den Sozialismus der dummen Kerle bezeichnet. Dem gebildeten, liberalen Bürger stachen dagegen die armen, orthodoxen Zuwanderer ins Auge. Er mokierte sich über den mangelnden Anpassungswillen der verlotterten "Galizier". Das Gegenteilige störte den national-konservativen Deutschen. Er beargwöhnte diejenigen Juden, die bald kaum mehr von seinesgleichen zu unterscheiden waren, gar zum Christentum übertraten, die Wacht am Rhein sangen und nach dem Ersten Weltkrieg das EK I spazieren trugen. Sie hatten ihren sozialen Aufstieg auf dem Weg der Integration betrieben.

Ob deutscher Bürger, Kleinbürger, Bauer oder Proletarier - gemeinsam, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, forderten sie eine wirkungsvolle Begrenzung der Zuwanderung vor allem aus Polen, eine Begrenzung des öffentlichen Einflusses von Juden, ihre Quotierung in bestimmten akademischen Berufen entsprechend dem tatsächlichen Bevölkerungsanteil von 0,6 Prozent. Gern schob man "den Juden" die Schuld an Börsenkrächen, Konjunkturschwäche und Großpleiten zu. Zusätzlich bezog das antijüdische Ressentiment aus der modernen Rassenhygiene eine - nach weit verbreiteter Überzeugung - naturwissenschaftlich begründete Legitimation.

So gründete die Vorläuferorganisation der Max-Planck-Gesellschaft 1927 in Berlin ein Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Gleichgültig, was die einzelnen Projekte dieses und anderer Institute im Einzelnen bezweckten, die Grundüberzeugung der beteiligten Wissenschaftler bestand darin, im Fall des Menschen sei jede Rassenkreuzung nachteilig. Sie führe zur "Bastardierung" und "Minderwertigkeit", zur Zerstörung der Reinheit. Die Nürnberger Gesetze von 1935, insbesondere das "Blutschutzgesetz", stützten sich auf solche Vorarbeiten. Liebten sich ein definitorischer Jude und eine definitorische Arierin, beging sie als "rassenvergessene" Deutsche minderschwer geahndeten "Rassenverrat", er hingegen machte sich als "Artfremder" der "Rassenschande" schuldig.

Die biologisch-wissenschaftliche Facette des Antisemitismus hatten deutsche Geister entwickelt, ebenso den Begriff selbst, der um 1880 im protestantischen Milieu Hamburgs entstand. Er visierte den Menschenschlag an, den angeblichen Genpool, nicht mehr die Religion. Das erschien präziser, weniger flüchtig als die alte, von der Säkularisierung bereits aufgeweichte religiöse Vorurteilsbegründung, "die Juden" hätten Jesus ans Kreuz genagelt. Doch blieb das christliche Grundmotiv alteuropäischer Judenfeindschaft noch lange virulent und löste sich zwanglos in den moderneren Formen des Großgruppenhasses.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus, seinen Elendsquartieren und seiner Zerstörung der bäuerlichen und handwerklichen Welt erschienen die emanzipierten Juden bald als "Zersetzer". Sie, nicht die ungezügelte Moderne, schienen das Heimatlich-Bodenständige zu bedrohen. Es entstand die Vorstellung vom Weltjudentum, das im Verborgenen ein globales Netzwerk des Beeinflussens, Kriegführens und Ausplünderns knüpfe - ohne eigenen Staat und Armee zwar, jedoch gestützt auf eine ungeheuerliche Medienmacht, auf "geistiges Gift". In diesem Weltbild wurden "der jüdische Plutokrat", der "jüdische Bolschewist" und der "jüdische Asphaltintellektuelle" zu Agenten desselben Zerstörungswerkes. Angeblich griffen sie alle drei, gierig und abgefeimt, nach den Früchten ehrlichen Fleißes.

Die ungarischen Pfeilkreuzler richteten ihre Kampagnen in den 1930er Jahren allen Ernstes gegen die "jüdisch-marxistischen Plutokraten", in einem Atemzug bezeichneten sie die jüdische Minderheit des Landes als "feudalkapitalistisch und sozialdemokratisch-kommunistisch". Auch die letzte große Propagandaoffensive Nazideutschlands folgte 1944 diesem Muster, und sie blieb - nebenbei gesagt - weit über das Jahr 1945 hinaus erfolgreich. Deutschland sei von zwei "imperialistischen Systemen" bedroht, dem Bolschewismus und dem Kapitalismus, die bei aller äußeren Gegensätzlichkeit doch "auf die gleiche Wurzel zurückgehen" würden und in Wahrheit einen Namen hätten: "Die Juden, die heute in Gestalt der angloamerikanischen Bankiers und der kommunistischen Kommissare nach der Macht über die europäischen Völker greifen, sind die Ursache für den Verfall jeglichen Gefühls für soziale Gerechtigkeit und menschliche Würde."