Den von ihm im Osloer Abkommen versprochenen Wandel vom einstigen Revolutionär aus dem Untergrund zum Staatsmann haben Tausende von Journalisten minutiös mitverfolgt, ihnen allen aber ist die Figur Arafat letztlich ein Rätsel geblieben. Im vergangenen Dezember erklärte ihn Israels Ministerpräsident Scharon als "irrelevant". Wer er heute wirklich ist und was er will, weiß wohl nur Arafat allein. Bei manchen Auftritten, wie zum Beispiel am jenem letzten Tag der israelischen Belagerung der Muqataa, Arafats Hauptquartier, fragt man sich sogar, ob er sich nicht selbst spielt.

Der PLO-Chef führt seine Gäste aus Deutschland in ein weiß getünchtes Büro im ersten Stock. Er setzt sich ans Kopfende eines langen Holztisches, auf dem ein Fernsehapparat steht. Der arabische Sender Al Jazeera ist eingeschaltet. Neonlicht aus einer Deckenlampe erhellt den Raum. Vor sich hat Arafat eine ganze Reihe von Utensilien sorgfältig arrangiert: Dokumente mit Übersetzungen aus der israelischen und ausländischen Presse, aus denen er später zitieren wird; eine Ausgabe des Koran, um zu beweisen, wie wichtig die Heilige Maria im Islam ist; eine kleine Medizinflasche, eine Kerze auf einem umgestülpten Glas, Büroklammern, Kekse und Papiertaschentücher in einer Schachtel. In der Ecke des Raums liegt eine Matratze - sie dient ihm als Bett -, daneben ist der Gebetsteppich.

Arafat hat seine Brille abgenommen und spricht mit verschränkten Armen. Mit einer Hand klopft er beim Reden immer wieder auf seinen Ellbogen, um seinen Worten von der "Zerstörung und der Aggression in Palästina, wie es das noch nie irgendwo anders auf der Welt gegeben hat", Nachdruck zu verleihen. Er spricht vom Flüchtlingslager in Jenin, das man - der historische Vergleich ist gewollt - "Jeningrad" nennen müsse. Aber es hätten ja schließlich überall "Massaker" stattgefunden, bekräftigt er, auch jetzt, in diesem Augenblick, würden gerade wieder Massaker gegen Palästinenser verübt.

Seine Stimme ist leise. Neben ihm sitzt sein enger Vertrauter Nabil Abu Rudeineh, der auf dem mit einem Adler versehenen offiziellen Papier der Autonomiebehörde mitschreibt. Ab und zu übersetzt er auch, wenn sein Chef plötzlich des Englischen nicht mächtig ist. Jemand kommt in den Raum und unterbricht: Tee oder Kaffee? "Haben wir wirklich so etwas?", fragt Arafat zurück, es klingt wie eine kokette Inszenierung der Not.

Er ist Opfer und Ankläger. Auch als die Belagerung aufgehoben ist, bleibt er bei dieser Rolle. Ob er denn mehr tun könnte, um Selbstmordanschläge auf israelische Zivilisten zu stoppen, fragt ihn Wolf Blitzer zwei Wochen später in einem Interview für CNN. Er habe die Attentate doch verurteilt und tue sein Bestes, versichert Arafat, ohne mit der Wimper zu zucken, aber er wolle doch zurückfragen: warum nichts unternommen werde, um die militärische Eskalation der Israelis gegen "unser Volk, unsere Kinder zu stoppen?" Auf die Finanzierung der Al-Aksa-Brigaden angesprochen, sagt Arafat, er sei "stolz auf alles, was er unterzeichnet" habe. Dass sich deren Mitglieder zu einer ganzen Reihe von Anschlägen bekannt haben, scheint ihn nicht zu kümmern. Der PLO-Chef hat seine eigenen und - je nach den Umständen - wechselnden Wahrheiten.

Das Gespräch ist eher peinlich für Arafat, weil er keinen Satz zu Ende spricht und wieder einmal behauptet, Israel würde gegen die Palästinenser "angereichertes Uranium" einsetzen und stünde auch hinter Anschlägen, um sie dann den Palästinensern in die Schuhe zu schieben. Weiß er nicht, wie hanebüchen solche Behauptungen klingen, oder glaubt er längst selbst daran?

Mit viel Mühe schafft Blitzer es schließlich, aus Arafat den Satz herauszulocken, der ihm nur schwer über die Lippen kommt: "Wir hoffen, dass wir diesen unabhängigen Palästinenserstaat haben werden, Seite an Seite mit einem israelisch-jüdischen Staat", sagt Arafat und ist in seiner Rhetorik plötzlich ganz Staatsmann.