Macht der starke Euro die zaghafte wirtschaftliche Erholung in Deutschland gleich wieder zunichte? Von kurzfristigen Unterbrechungen abgesehen steigt der Wechselkurs der europäischen Einheitswährung an den internationalen Devisenbörsen seit Wochen. Und die Lehrbuchweisheit ist eindeutig: Je höher der Wechselkurs klettert, desto teurer werden die Exporte, desto schwieriger wird es für deutsche Unternehmen, ihre Erzeugnisse an Kunden außerhalb der europäischen Währungsunion zu verkaufen. Gerade die Ausfuhren sollen aber nach einhelliger Meinung von Ökonomen und Politikern der Motor für die deutsche Konjunktur werden. Droht dem Aufschwung das Aus, bevor er überhaupt richtig begonnen hat?

Tatsächlich wurden mit dem jüngsten Anstieg des Euro-Kurses insbesondere gegenüber dem amerikanischen Dollar nur die zurückliegenden Fehlentwicklungen korrigiert. Und selbst das nur zum Teil. Der Euro ist immer noch unter- und der Dollar überbewertet. Jeder europäische Tourist macht diese Erfahrung, wenn er in den Vereinigten Staaten einkauft. Um zu einem angemessenen Austauschverhältnis zwischen europäischer und amerikanischer Währung zu kommen, müsste der Euro deutlich höher gehandelt werden.

Doch man sollte sich vor Wechselkursprognosen hüten. Kaum etwas anderes hat kürzere Verfallszeiten und wird schneller von der Wirklichkeit widerlegt, wie die Vorhersagen seit dem Start der europäischen Währungsunion zum Jahresbeginn 1999 zeigen. Der Kurs zwischen Euro und Dollar hat sich keineswegs an den volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten - Preise, Zinsen, Wachstum, Zahlungsbilanzdefizit oder -überschuss - orientiert. Auch die effektive Kaufkraft der Währungen, ein im Prinzip auf lange Sicht halbwegs verlässlicher Maßstab, schien keine Rolle zu spielen.

Die Wechselkursbildung ist eines der Geheimnisse, die die Ökonomen trotz zahlreicher Theorien bisher nicht gelöst haben. So hatten Devisenhändler in den vergangenen dreieinhalb Jahren manches Mal schon obskure Erklärungen parat, warum sie den Euro immer schwächer und den Dollar umso stärker bewerteten. Mal argumentierten sie mit tagesaktuellen Daten einzelner Branchen, mal sogar nur mit den Ergebnissen einzelner Unternehmen in den USA oder in Euroland. Selbst die Politik der Regierung Gerhard Schröders musste schon mal für den Absturz des Euro an den Devisenbörsen herhalten - das war dann doch zu viel der Ehre, auch wenn die deutsche Volkswirtschaft die größte unter den elf Euro-Volkswirtschaften ist. Denn warum ist der Kurs jetzt gestiegen? An einem Politikwechsel der Berliner Regierung kann es wohl kaum gelegen haben.

Sehr viel einleuchtender ist da schon die Erklärung des belgischen Ökonomen Paul de Grauwe, der die jahrelange šberbewertung des Dollar mit der selektiven Wahrnehmung wirtschaftlicher Fakten durch die Akteure an den Devisenmärkten begründet. Wurden positive Entwicklungen in Euroland - von der Konsolidierung der öffentlichen Haushalte über niedrige Inflationsraten und Zinsen bis zur weitgehend ausgeglichenen Leistungsbilanz - schlichtweg ignoriert, so wurden in den USA die Wachstumschancen, Produktivitätszuwächse und Renditeaussichten hochgejubelt. Manche europäischen Anleger und Konzernleitungen haben kräftig Lehrgeld zahlen müssen, weil sie auf zu schön gefärbte Prognosen hereinfielen und dem Herdentrieb folgten.

Der Anstieg des Euro und der Abstieg des Dollar deuten darauf hin, dass nun die Gegenbewegung einsetzt. Es ist schon erstaunlich, dass mit einem Mal nur von den Kratzern am schönen US-Bild die Rede ist - obwohl die meisten Europäer heute noch von den amerikanischen Wachstumszahlen allenfalls träumen können. Offenbar wird vielen, die über die Kurse an den Devisenmärkten bestimmen, erst jetzt bewusst, dass die Amerikaner seit Jahren das Ausland anpumpen, um ihr heimisches Wachstum zu finanzieren. Zu Recht wird inzwischen die Frage gestellt, wie lange ausländische Anleger wohl noch das gewaltige Loch in der US-Leistungsbilanz - weit mehr als 400 Milliarden Dollar - stopfen werden.

Es stimmt, dass die Europäer in der Vergangenheit vom schwachen Euro auch wirtschaftlich profitiert haben. Ihre Konjunktur wurde gestützt, weil sie ihre Produkte dank niedrigerer Ausfuhrpreise günstiger anbieten konnten. Das galt besonders für die Deutschen, die immerhin jede dritte Mark im Export verdienen. Es lag nicht zuletzt am gesunkenen Wechselkurs der Einheitswährung, dass Unternehmen aus der Bundesrepublik Weltmarktanteile zurückgewannen. Doch das zeigt zugleich auch die Gefahren eines zu schwachen Euro: Er täuscht Unternehmen und Politikern eine höhere internationale Wettbewerbsfähigkeit vor, als sie real existiert. Damit wächst das Risiko, dass Regierung und Manager notwendige Innovationen und Reformen vernachlässigen. Auch deshalb war die Korrektur der Wechselkurse überfällig.