Für Aktionäre aus Wetzlar, Würzburg oder Berlin geriet die Hauptversammlung zur Einführung in die deutsch-französische Wirklichkeit. Zwar floss reichlich Champagner - wie so oft seit der Gründung des Pharmaunternehmens Aventis. Doch bei der Kommunikation gibt es in Straßburg immer noch Pannen.

So parlierte der neue Aventis-Chef Igor Landau, der an diesem Tag im Mai das Amt von Jürgen Dormann übernahm, ausschließlich in seiner Muttersprache Französisch. Erst als ein Kleinaktionär aus Frankfurt auf das Verständigungsproblem hinwies, nahm der Patron die Gäste aus Deutschland zur Kenntnis - und wechselte ins Englische. Auch die Übersetzung via Kopfhörer hatte ihre Tücken: Der Firmenname Aventis war der Dolmetscherin nicht geläufig: Sie nannte den Konzern stets Adventis.

Knapp drei Jahre nach der Gründung sucht das Unternehmen noch immer nach seiner Identität. Im Juli 1999 genehmigten die Aktionäre den Strategen von Hoechst und Rhône Poulenc die Fusion. Ein deutsch-französisches Tugendwerk war geplant, ein Vorzeigeunternehmen, in dem die Hirne beider Nationalitäten im Gleichtakt funktionieren; ein Life-Science-Konzern, in dem Arznei- und Saatgutforscher gemeinsam von den Erkenntnissen der Genomik profitieren und großartige Erfindungen machen sollten.

Das meiste davon hat sich als Illusion erwiesen. Im Haus herrscht beständige Unruhe, weil Deutsche und Franzosen um Einfluss rangeln. "Von Beginn an haben die Franzosen eine sehr intelligente Personalpolitik betrieben", sagt etwa Werner Bischof, Aventis-Aufsichtsrat und Vorstand der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie. Zudem laufen die Machtkämpfe nicht immer freundlich ab. In den Anfangsmonaten sei es bei Aventis einige Male fast zu Schlägereien zwischen deutschen und französischen Managern gekommen, erinnert sich ein Hoechst-Veteran. "Für die normalen Arbeiter kann ich das nicht bestätigen", beschwichtigt dagegen Friedhelm Conradi, ein Frankfurter Betriebsrat. "Da arbeiten Deutsche und Franzosen ganz entspannt miteinander." Dennoch werden viele Stellen nach der Staatsangehörigkeit verteilt - der Vorstand ist das beste Beispiel dafür.

Auch ökonomisch liefert Aventis nicht den Beweis, dass die Fusion gelungen ist. Nach einer kostspieligen Panne mit Genmais in den USA hat sich der Konzern aus dem Agrogeschäft zurückgezogen und wurde vom modischen Mischkonzern zum reinen Arzneihersteller. Ein Pharmariese allerdings, der seit der Fusion kaum neue Pillen hervorgebracht hat. Mittlerweile schlägt sich all das auch im Aktienkurs nieder. Der Börsenstar Aventis, der mit seiner Fusionsstory - und den Rationalisierungsgewinnen - beeindruckte, hat an Strahlkraft verloren.

Die Nagelprobe steht Mitte des Monats bevor. Dann lädt der Konzern in den Finanzmetropolen London und New York zum "Research and Development Day". Dabei sollen Bankanalysten auf das eingestimmt werden, was demnächst aus den Laboren kommt - und anschließend ihren Kunden die Aventis-Aktie empfehlen. Man darf davon ausgehen, dass die Konzernstrategen dieses Event etwa so minutiös vorbereiten wie ein Autohersteller die Präsentation einer neuen Modellreihe. Doch dummerweise hat das Straßburger Unternehmen derzeit wenig vorzuführen: In diesem Jahr wird Aventis kein neues Produkt auf den Markt bringen. Peter Hermanns, Analyst bei der badenwürttembergischen Bank, ist deshalb skeptisch, ob der Konzern sein Gewinnwachstum fortsetzen kann, wenn jene Arzneien ihren Zenit überschritten haben, die einst Hoechst und Rhône in die Ehe einbrachten. "Im Vergleich zu früheren Versprechungen ist das Angebot unzureichend."

Franzosen haben oft die Oberhand behalten ...